Meine zweite Antwort aber ist wesentlicher. Was die übrige Welt bewog, auf Hitler hereinzufallen und ihm sein unmoralisches Handeln nachzusehen, ist für mich nicht entscheidend gewesen. Mag es Unkenntnis gewesen sein, die die Welt dazu bewog, oder Dummheit oder Anerkennung oder Furcht, ich mache keinen dieser Gründe für mich geltend, denn ich bin überhaupt nicht auf Hitler hereingefallen. Hätte mich Hitler mit irgend etwas innerlich verbunden, so wäre ich schon vor seinem Wahlerfolg im Juli 1932 irgendwie für ihn tätig geworden. Das bin ich aber in keiner Weise, mit keinem Wort und mit keiner Tat. Nachdem im Juli 1932 Hitler 40 v. H. der Reichstagsmandate für seine Partei erlangt hatte, stand es für mich fest, daß Hitler die Kabinettsbildung einer neuen Regierung zu übernehmen habe, und nunmehr habe ich versucht, Einfluß auf ihn zu gewinnen. Aber ich habe nicht eine einzige moralische Konzession an ihn gemacht. Ich habe das Gute und das Bedenkliche an ihm, soweit es damals erkennbar war, wohl gesehen Ich bin in seine Regierung hineingegangen nicht als sein Anhänger, sondern um ihn zu beeinflussen und zu korrigieren, das Schlechte zu bekämpfen und dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Ich war bei. meinem Eintritt in die Regierung schon genau so nachdrücklich gegen die Auswüchse und Gewalttätigkeiten der Partei eingestellt wie auch später immer noch. Das ist die einfache Antwort. Mein Unglück heute ist, daß ich das damals der Öffentlichkeit nicht bekanntgeben konnte, sonst wäre meine Absicht von vornherein unmöglich gemacht worden.

Wenn die Politik Hitlers sich weiterhin immer verbrecherischer „entwickelte, so tragen seine Mitarbeiter, die sich solcher Politik nicht widersetzten, ein gerütteltes Maß von Schuld daran. Zu ihnen zählen in erster Linie die Militärs. Die wenigsten Generale waren wohl fanatische Nationalsozialisten, aber sie waren leider auch keine Pazifisten. Sie boten willig die Hand, als Hitler ihnen seine Eroberungskriege zumutete. Was die Nürnberger Anklage hierüber zutage gefördert hat hinsichtlich des Mangels nicht nur an moralischem Mut, sondern auch an militärischem Urteil, das muß ein für allemal mit dem Ruf des deutschen Generalstabs aufräumen. Unter dem Einfluß Hitlers hat auch die ruhmreiche deutsche militärische Tradition ihr Ende gefunden. Diese Offiziere waren zwar gleich ihren Vorgängern persönlich tapfer. Sie scheuten sich nicht einen Augenblick, auf Befehl in den sicheren Schlachtentod zu gehen. Es waren Männer, die unter freien Verhältnissen ein unritterliches oder gar unmenschliches Verhalten als mit ihrer Ehre unvereinbar angesehen hätten, Männer, die sich aus eigenem Willen und Wissen keines Vergehens gegen die Humanität oder die Kriegsgebräuche schuldig gemacht hätten. Aber sie unterlagen dem Einfluß eines verbrecherischen Vorgesetzten, den ihnen die politischen Verhältnisse gegeben hätten. Sie ermangelten der Zivilcourage, sie vergaßen ihre eigene sittliche Pflicht über dem Befehl von oben.