Von Wilhelm Sandermann.

Als die Katastrophe vollständig geworden war, nach Kriegsende, war auch der Zusammenbruch der deutschen Forschung total. Gesetze der Militärregierung hatten die Forschung auf gewissen Gebieten verboten, auf anderen unter strenge Kontrolle gestellt. Patente und Warenzeichen wurden beschlagnahmt und der Weltwirtschaft frei zugänglich gemacht. Technische und wissenschaftliche Kommissionen der Besatzungsmächte hatten überdies die Tresore der Industriewerke geöffnet und ihnen wertvolles Erfahrungsgut arbeitsreicher Jahrzehnte entnommen. Über alles dies ist in Amerika und England ausführlich berichtet worden. Und so las man denn, daß den Amerikanern Geheimakten im Gewicht von mehr als 50 Tonnen allein über 138 Typen ferngelenkter Geschosse in die Hände gefallen waren. Man erfuhr auch von den neuesten deutschen Ergebnissen der Ultrarotforschung, die das Sehen bei stockfinsterer Nacht ermöglichten. Und wenn bei all derartigen Nachrichten das Hauptgewicht auch auf den wehrwirtschaftlichen Teil der Beute gelegt wurde, so dürften dennoch jene Erfindungen von weit größerer Bedeutung für den Sieger sein, die in der normalen Friedenswirtschaft verwertet werden können. Die Zahl und der Wert eben dieser Verfahren ist aber außerordentlich hoch. Sie umfassen das gesamte Erfahrungsgut, das deutsche Wissenschaft und Technik seit der Beschlagnahme der deutschen Patente nach dem ersten Weltkrieg angesammelt hatten: Flugzeugtechnik, Elektronenmikroskop, Sulfonamide, Ultrarot-Technik, synthetisches Blutplasma, Kunststoffe, Isocyanate, die Ergebnisse der Acetylenchemie und viele andere. Und schon geben amerikanische Wirtschaftskreise zu, daß diese Ideen und Verfahren sich zum Teil bereits praktisch ausgewirkt und vielfach eine Forschungsarbeit von mindestens zehn . Jahren erspart hätten.

Basis für Aufbau und Export

Dies also ist die Gesamtbilanz: Die deutsche Wirtschaft hat ihre Trümpfe herausgeben müssen. Da sie nach dem Willen der Besatzungsmächte in Zukunft mit offenen Karten spielen sollte, verspürte, sie wenig Lust, überhaupt mitzutun, solange nicht neue, annehmbare Spielregeln gelten. Da jetzt jedoch wieder Patentanmeldungen möglich sind, darf man auf ein wenig Freiheit, auf Fairneß hoffen – so hofft es jedenfalls die Wirtschaft! Nun muß verstärkt Forschung getrieben werden, damit eine neue Basis für Aufbau und Export geschaffen werde! In nicht zu ferner Zeit wird sicherlich die Bezahlung unserer Einführen mit sinnwidrigen Rohstoffexporten und amerikanischen Geldern beendet sein und durch den gesunden Export veredelter Produkte erfolgen müssen. Ein solcher Export aber setzt neue Verfahren voraus, wenn wir uns auf dem Weltmarkt, behaupten wollen. Denn daß es unmöglich ist, auf diesem Felde ohne Forschung zu bestehen, hat die Wirtschaftsgeschichte der letzten hundert Jahre, genügend bewiesen. Gab England seine chemische Tradition nach 1870 nicht für ein, Linsengericht auf, einfach, weil man geringe Einsparungen für Forschungszwecke machte? Die Förderung der Forschung in Deutschland dagegen verzinste sich zu dieser Zeit sehr reichlich und sicherte der deutschen chemischen Industrie eine führende Rolle in der Weltwirtschaft. Ihr Erzeugungswert betrug 1928/29 mit 9,3 Milliarden Mark 72 v. H. von dem der Landwirtschaft, und im Chemikalienexport stand Deutschland an der Spitze aller Länder und führte 1929/34 wertmäßig etwa doppelt soviel aus wie die USA.

Die Forschung von heute ist die Technik von morgen. Aus dieser Erkenntnis folgt der Satz, daß das größte Kapital des Staates seine Wissenschaftler sind. Tatsächlich hat diese Wahrheit alle Staaten der Welt veranlaßt, die Fort schungsausgaben bedeutend zu erhöien, wobei die Vereinigten Staaten führend sind. Dort wurde sogar ein Zehnjahresplan der Forschung ausgearbeitet, nach dem, beginnend von 1947, die Ausgaben von 1,1 Milliarden Dollar bis 2,2 Milliarden im Jahre 1957 ansteigen sollen. Vergleichsweise sei erwähnt, daß 1947 in Amerika der zehnfache Betrag des Jahres 1930 für die Forschung ausgeworfen wurde oder fast soviel, wie zwei Jahresausgaben für den ersten Weltkrieg. Es wird in den USA sogar angestrebt, künftig stets den hundertsten Teil des gesamten Volkseinkommens für Forschungszwecke auszugeben. Wie kläglich sehen dagegen die früheren, doch so erfolgreichen deutschen Anstrengungen aus! So gaben die USA im Jahre 1947 etwa hundertmal mehr für Forschung aus, als Deutschland anno 1930 oder das tausendfache von den Forschungsausgaben, mit denen die deutsche chemische Industrie vor 1900 die Führung errang! Zumal die Industrie der USA hat den Wert der Forschung erkannt. So gibt die Weltfirma Du Pont de Nemours – deren schärfste Konkurrenz einst die IG-Farben waren – jährlich 2 bis 4 v. H. ihres Bruttoeinkommens für Forschung aus. Sie weiß auch weshalb, denn 40 v. H. des riesigen Umsatzes dieser Firma beruhen auf neuesten Erfindungen.

In Rußland wird die Forschung als Teil der-Gesamtwirtschaft geplant und erfährt die größte Unterstützung. Allein für geologische Arbeiten wurde 1936 eine Milliarde Rubel ausgesetzt, 1938 der doppelte Betrag. Besonders gepflegte Gebiete sind: Geologie, Metallforschung, Elektrifizierung, Gaserzeugung, Pflanzenzüchtung und Kernphysik. Die russische Forschung hat auf allen Gebieten Hervorragendes geleistet und überrascht die Welt mit immer neuen Ergebnissen. In all diesen Zahlen aber sind jene Geheimfonds der USA und Rußlands nicht enthalten, die für die Entwicklung neuer Verfahren über Atomenergie ausgeworfen werden, mit denen man nicht nur Geschichte machen, sondern auch geologische, vielleicht sogar kleinere astronomische Effekte erzielen kann. Auch andere Länder – wie England, Kanada, Australien, Indien und die südamerikanischen Staaten – bauen ihre Wissenschaft fieberhaft auf. Geradezu einen wissenschaftlichen Luxus leistet sich das kleine schwedische Volk, dessen Einwohnerzahl ja nur der von Berlin entspricht: es hat in den letzten Jahren modernste Laboratorien aufgebaut, wie sie viele Großmächte nicht besitzen.

Deutsche Forschung heute