Von Heinz Nautsch

Erde, Wasser, Luft und Sonnenstrahlung – schon in der Philosophie der Antike als die Hauptelemente des Lebens anerkannt – hielten wir früher für ewig gleichbleibende Größen. Heute wissen wir, daß auch sie – abgesehen von dem bekannten kalendermäßigen Rhythmus – Veränderungen erfahren und daß all ihre Schwankungen sich gegenseitig beeinflussen. Und zwar hat vornehmlich die Geophysik viele Äußerungen der rätselhaften Kraftfelder der Erde untersucht und gedeutet. Daraus haben sich dann praktische Hinweise beispielsweise für die Verbesserung der Wettervorhersage ergeben. Und als über die Resultate einer mehr als zehnjährigen Forscherarbeit unlängst auf der ersten Nachkriegstagung deutscher Geophysiker und Meteorologen berichtet wurde, die rund 200 Wissenschaftler und Praktiker aus allen Zonen Deutschlands in Hamburg zusammenführte, sah man, daß manches Stück Neuland wissenschaftlicher Erkenntnis gewonnen worden war.

Von der Verknüpfung der vielen Schwingungserscheinungen, die man heute beobachten und deuten kann, gab die auf der Hamburger Tagung geschilderte Auswertung der Helgoländer Sprengung ein interessantes Bild: Am 18. 4. 1947 hatten die Engländer auf der Nordseeinsel 4000 Tonnen Explosivstoff in die Luft gehen lassen. Diese Sprengung erzeugte Wellenenergien, die in mehreren hundert Kilometern Entfernung als Schall, Luftdruckwellen und Erdbebenwellen gemessen werden konnten. Der direkte Schall reichte 200 Kilometer weit. Doch wurden – wie schon häufig bei schweren Explosionen – auch indirekte Schallwellen-auf Entfernungen bis 440 Kilometer wahrgenommen. Ein dichtes Netz von Beobachtern mit ihren Meßgeräten war bereitgestellt: die werteten vor allem die in – gekrümmtem Strahl in hohen Atmosphärenschichten gelaufenen „indirekten“ Schallwellen aus. Und als eindeutige Erklärung erwies sich eine nicht erwartete Temperaturschichtung der oberen Atmosphäre: Die dünne Luft in 50 Kilometer Höhe ist 50 Grad wann! Dieser Wert steht übrigens in Einklang mit neuerlichen Messungen in Amerika, wo man mit Hilfe von V2-Raketen ebenfalls einen Temperaturanstieg in einer Entferung von 10 bis 50 Kilometern auf 50 Grad Wärme, aber bis etwa 80 Kilometer ein Fallen auf 70 Grad Kälte und in noch größerer Höhe bis 120 Kilometer ein nochmaligem Steigen des Thermometers auf sogar 60 Grad Wärme beobachtet hat. Erst von dort ab scheint die Temperatur wieder langsam endgültig abzusinken.

Dienten anläßlich der Helgoländer Sprengung Schallwellen dazu, die Luftschichtung der oberen Atmosphäre zu untersuchen, so ergaben die gleichzeitig von der Erde aufgenommenen Erschütterungswellen auf ihrem Weg durch das Erdinnere ein Bild vom geologischen Aufbau unseres Planeten. Die Schichtung der Erde – zum Beispiel in 5 und 27 und 55, in 110 und 118 Kilometern Tiefe – erwies sich selbst auf dem Kontinent unterschiedlich. Zwischen Nord- und Mitteldeutschland konnten Abweichungen des geologischen Aufbaus ermittelt werden, die einer verschiedenen Ursprungsgeschichte dieser Gebiete entsprechen. Dabei ergaben sich übrigens wertvolle Feststellungen über Erdöllagerstätten in Nordwestdeutschland. Was viele nicht, erwarten dürften: – auch in unserer Heimat, die keine Vulkanausbrüche und nur selten geringfügige Erdbeben kennt, ist die Erde noch immer nicht völlig erstarrt Dies geht ans neuerlichen Messungen an allen Ostseeküsten. hervor. -Schweden hebt sich an einigen Stellen bis zu einem Zentimeter alljährlich. Bei Rügen stoßen sogar Gebiete des Steigens und des Fallens der Küste auf engem Raum zusammen. Möglich übrigens, daß hier auch zeitliche Schwingungs-Perioden eine Rolle spielen. Diese „Steig- und Fallgebiete“ im Ostseeraum entsprechen in manchen Fällen unterschiedliche Werts für die Schwerkraft. Das Gewicht eines Körpers – am Äquator leichter als in den Polargebieten – ist nicht nur verschieden je nach der geographischen Breite, sondern verschieden auch je nach den an den Ostseeküsten schwankenden Schwerkraft-Werten. Doch ebenso wie das rätselhafte Gravitationsfeld ist auch das magnetische Kraftfeld der Erde räumlichen und zeitlichen Veränderungen unterworfen. Und zwar haben erdmagnetische Messungen neben den bereits bekannten kurzzeitigen Schwingungen und Störungen auch langjährige Perioden ergeben. So hat man aus den Registrierungen der über die ganze Welt verteilten Observatorien Schwingungswellen des Erdmagnetismus ermittelt die in 50 Jahren zweimal um die Erde zu laufen scheinen.

Eine ähnliche 50jährige Periode konnte auch für Klimaschwankungen nachgewiesen werden. In einem Zeitabschnitt von etwa der Jahrhundertwende bis zum Ende der 30er Jahre war unser Wetter einer „ozeanischen“ Epoche zuzuordnen; seitdem ist es „kontinentaler“ geworden. Diese Veränderung in der großen Zirkular tion der Luftmassen läßt manche in den letzten Jahren aufgetretenen Schwierigkeiten der Wettervorhersage erklären. Denn Tatsache ist, daß die Tiefdruckgebiete sich heute vielfach an anderen Wegen als noch vor einem oder zwei Jahrzehnten bewegen.

Man kann aus den Temperatur- und Luftdruck-Aufzeichnungen langjähriger Beobachtungsreihen Schwingungsperioden von der Dauer weniger Tage bis zu Jahrhunderten herauslesen. Besonderes Interesse beanspruchen dabei new Untersuchungen des Braunschweiger Hochschulprofessors Dr. Koppe, da. sie die Zusammenhänge der irdischen Schwingungen in den Kosmos erweitern: Die Umlaufszeiten der Planeten Jupiter, Venus, Saturn, Erde und Merkur stehen in bestimmtem Verhältnis zu jenen Schwingungsperioden des Luftdrucks, die Koppe berechnet hat: es ist ein Rhythmus von 17 1/2 Tagen. Diese und andere Wellenerscheinungen des Wetters erklärt die Koppesche Theorie dimit, daß die Sonne durch die Planeten standg zu rhythmischen Veränderungen ihrer Akitivitit angeregt werde. Aus den Schwankungen der kurzwelligen Licht- und Elektronenstrahlen der Sonne entständen – wahrscheinlich durch atomphysikalische Energieumwandlungen in der hohen Atmosphäre – Luftdruckwellen auf der Erde. So daß unser Wetter kalendermäßig durch die Sterne beeinflußt würde! Ähnliche Theorien sind in letzter Zeit auch im Ausland laut geworden. Die Wissenschaft des Atomzeitalters hat heute eine Stufe erreicht, auf der es möglich sein muß, die vielfachen Schwingungserschenungen der Erde und des Weltalls genau zu erfassen und ihre Zusammenhänge zu prüfen. Die Grundgesetze des Kosmos zwar sind uns noch verborgen. Sie werden wohl auch immer geheimnisvoll bleiben.