Wie der ehemalige Präsident der Reichsbank die Figur und die Politik des „Führers“ sah und zu deuten sucht / Schluß

Sie wollten den Krieg gar nicht, sie zweifelten, ja verzweifelten zum Teil an seinem Gelingen, aber sie machten ihn. Dank und Ehre allen jenen tapferen Offizieren, die durch ihren Widerstand gegen Hitlers Kriegswahnsinn ihr Leben aufs Spiel setzten und dadurch das Andenken an die ehrenvolle Überlieferung deutschen – Soldatentums retteten.

Hitlers Generale machten den Krieg auf Grund einer völlig unzureichenden Rüstung. Der Generalfeldmarschall Milch sagte in Nürnberg aus: „In den wenigen Jahren von 1935 bis 1939 dürfte es wohl in jedem Land unmöglich gewesen sein, eine Luftflotte aufzubauen, die den Aufgaben gewachsen gewesen wäre, wie sie vom Jahre 1939 ab an uns gestellt worden sind. Es ist weder möglich, in so kurzer Zeit genügend Verbände auf die Beine zu bringen, noch die Schulen einzurichten und das Lehrpersonal dafür auszustatten, noch ist es möglich, die Flugzeuge selber, die dazu notwendig sind, zu entwickeln und danach im Serienbau zu bauen. Es ist auch nicht möglich, in dieser Zeit ausreichendes Personal, das den hohen technischen Anforderungen, die ein heutiges Flugzeug stellt, genügt, herbeizuschaffen und anzulernen. Ebensowenig ist es möglich, in so kurzer Zeit das technisch hochwertige Bodenpersonal zu erstellen und dazu noch die Luftwaffenindustrie zu entwickeln.“ Und Milch spricht die Ansicht aus, daß bei Kriegseröffnung die englische Luftwaffe allein schon stärker war als die deutsche. Mit diesen nüchternen Feststellungen vergleiche man die hochtrabenden Reden, die Göring bei Kriegsbeginn über unsere Luftwaffe vom Stapel ließ, und man kann nur ausrufen: „Betrüger!“

Generalfeldmarschall Kesselring bestätigte Im Zeugenverhör die völlige Unzulänglichkeit unserer Luftwaffe bei Kriegsbeginn. Fast niederschmetternder noch sind die Aussagen des Großadmirals Dönitz, der feststellte, daß Deutschland bei Kriegsbeginn ganze 15 atlantikfähige Unterseeboote besaß. Über den Stand des Heeres sagte Generaloberst Jodl aus, daß wir am 1. September 1939 zwischen 73 und 75 Divisionen besaßen, die aber in ihrer Ausstattung noch erhebliche Mängel aufwiesen. Mit solcher. Ausrüstung ging man in einen Weltkrieg.

Lassen wir für einen Moment die moralische Verantwortung für den Krieg ganz beiseite und beschränken uns auf die militärische Beurteilung. Hitler hatte den Generalen gesagt, England und Frankreich würden in den Polenkrieg nicht eingreifen. Nehmen wir auch an, daß Deutschland mit den vorhandenen militärischen Mitteln den Polenkrieg allein hätte gewinnen können. Am 3. September 1939 war der Augenblick gekommen, wo das militärische Bild sich änderte, wo die Militärs sprechen mußten. Am 3. September liefen die Ultimaten von England und Frankreich ein, und Deutschland stand vor einem zweiten Weltkrieg, nicht mehr vor einem lokalisierten Polenfeldzug. Keiner von den Militärs, die in Nürnberg zu Wort kamen, hat dort verschwiegen, daß wir auf einen Weltkrieg in keiner Weise vorbereitet waren. Hier handelte es sich also nicht um eine politische, sondern einfach um eine militärische Entscheidung. Das einfachste militärische Urteil mußte Hitler gegenüber lauten, daß die Rüstung Deutschlands für einen Weltkrieg ungenügend war.

Als ich mich im August 1934 in die Reichsregierung begab, war die totalitäre Macht Hitlers bereits fest etabliert. Jeder Ansatzpunkt für eine innerpolitische Gegenbewegung war ausgeräumt. Wirtschaft, Wissenschaft und Kirche waren verstummt. Die gewerkschaftlichen Organisation hatten sich widerspruchslos auflösen lassen. Politiker, die sich bedroht fühlten, emigrierten ins Ausland. Jede öffentliche Kritik oder Opposition gegen Hitler war unmöglich geworden. Wollte man Kritik anbringen, wollte man Maß und Vernunft Geltung verschaffen; so gab es nur noch den einen Weg des persönlichen Einsatzes innerhalb der Regierung. Diesen Weg bin ich gegangen.

Herr Severing hat mir in Nürnberg Verrat an der Demokratie vorgeworfen. Er hat als korrekter Demokrat seine Wahlniederlage mit der Überlassung der Macht an den Sieger quittiert. Es war nicht stark genug gewesen. Das ist ein Fehler der Konstitution und nicht des Charakters. Mit Recht aber läßt sich fragen, warum Herr Severing, der schon am 30. Januar 1933 den Krieg vorausgesehen hatte, es im Herbst 1943 ablehnt, sich an einer Aktion zum Sturze Hitlers zu beteiligen, nur weil Herr Schacht an dieser Aktion beteiligt war. Als der Zeuge Gisevius, der lange vor Severing in Nürnberg vernommen wurde, gefragt wurde, ob die politischen Linkskreise mit einem Putsch oder Attentat gegen Hitler sympathisiert hätten, verneinte er diese Frage mit folgender Begründung: „Die Linkskreise standen sehr stark unter dem Eindruck, daß die Dolchstoßlegende erheblichen Schaden in Deutschland angerichtet hätte. Die Linkskreise glaubten, sich nicht noch einmal der Gefahr aussetzen zu dürrfen, daß man hinterher sagte, Hitler oder die deutsche Armee sei nicht im Feld besiegt worden. Die Linke war. jahrelang der Meinung, es müsse unbedingt nun dem deutschen Volke bewiesen werden, daß der Militarismus sich in Deutschland selber mordete, so bitter auch diese Erfahrungen dem deutschen Volke zu stehen kommen würden.* Das war nach Gisevius, der mit diesen Kreisen Fühlung hatte, die Politik der demokratischen Linken. Es ist die einzige demokratische Politik, die erfolgreich gewesen ist. Nur hat sie 20 Millionen Menschen das Leben und dem Deutschen Reich sein Dasein gekostet.