Die kleine vierzehnjährige rothaarige Rosalia Millmann, „Englandsbrillant 14 years old planist“, wie die Plakate sie ankündigten, hat im Hamburger Garrison Theatre das Klavierkonzert in c-moll von Beethoven gespielt. Die Leistung war hervorragend; In der Technik stand die junge Rosalia hinter alten, erfahrenen Pianisten von Weltruf nicht zurück, so daß der losende Beifall, die riesige Menge Blumen und die vielen Schachteln mit Konfekt eine verdiente Würdigung des kleinen Wunderkindes bedeuteten.

So haben wir also wieder ein Wunderkind mehr. Wunderkinder aber sind stets etwas Bedenkliches gewesen. Ist die reizende kleine Engländerin bei aller Musikalität, bei allem Können in der Lage gewesen, Beethovens Musik auch geistig zu verstehen? Raum! Wenn sie ein so hohes Werk aber doch interpretierte, beruht dann ihre Interpretation nicht doch auf – Dressur? – Was macht eigentlich ein Wunderkind, wenn es erwachsen ist und nun entdeckt, daß es noch einmal von vorne anfangen muß, weil alles, was es bisher geleistet, bloße Übung ohne Verstehen war? Ja, und was tut ein armes Wunderkind gegen seinen schlimmsten Feind, das „Älterwerden“, der ihm von vorneherein die Grundlage nimmt, auf die sein Ruhm aufgebaut war? Es gibt kaum etwas Gefährlicheres, als die Kindheit als Beruf zu haben, Und nun gar noch eine Wunderkindheit mit Blumen, Pralinen und lauten Ovationen.

Einmal wird das Wunderkind kein Kind mehr sein. Und es wäre zu denken, daß die erwachsene Pianistin dann sehr böse auf uns ist, weil sie das Gefühl hat, wir hätten ihr alles schon vorweggenommen. Vielleicht wird sie uns vorwerfen, daß wir zuviel geklatscht haben, viel zuviel Lärm um sie geschlagen haben.

Paul Hühnerfeld