„Dreißig Familien beherrschen das Schwarze Revier“

Die Wahrheit von gestern ist die Legende von heute. Aus der Zeit vor dem ersten Weltkriege stammend, hat sich bis auf den heutigen Tag zäh die Vorstellung erhalten, daß die gesamte deutsche Schwerindustrie in den Händen einiger weniger „Magnatenfamilien“ liege. Das war einmal richtig – in den Zeiten des industriellen Aufbaues. Und da, wo die Montanwerke auf altem Latifundienbesitz „gewachsen“ sind, wie im oberschlesischen Revier, ist die alte Besitzstruktur trotz der immer stärkeren Hereinnahme „bürgerlichen“ Kapitals, in der Form von Aktienbeteiligungen, noch lange vorherrschend geblieben. Hier konnte wirklich von „Industrie-Herzogtümern“ die Rede sein.

Aber auch an der Saar, wo „König Stumm“ regierte, bis dann das Röchling-Regime folgte, und an der Ruhr, wo die Dynastien der Krupp und Thyssen, Haniel und Klöckner, Hoesch und Harkort „herrschten“, hat es dergleichen einmal gegeben. Als der Glanz der alten Namen mit dem Ende der kaiserlichen Zeit allmählich verblaßte, gab der schnelle Aufstieg und der jähe Sturz von Hugo Stinnes der Phantasie neue Nahrung. Und zum Schluß konnte noch der ehemalige Prokurist bei der Charlottenhütte, Friedrich Flick, eine beherrschende Position in der deutschen Montanindustrie gewinnen: aber doch nur für einige kurze Jahre! Die „Hausmacht“ an Werken der mitteldeutschen Stahlerzeugung und -verarbeitung, auf die er sich dann zurückzog, hat ihm die politische Entwicklung der letzten Jahre vollends genommen. Was durch „geniale Finanztransaktionen“ (wie die einen sagten) oder durch ein „Jonglieren mit Aktienpaketen“ (wie seine Kritiker meinten) zusammengehäuft worden war, ist also wieder auseinandergefallen.

Vor dem zweiten Weltkriege hat, etwa zwei Menschenalter hindurch, ein anderer Typ von Männern der deutschen Montanindustrie ihr besonderes Gesicht gegeben. Die markanten Figuren, die „Bosse“ in den großen Konzernen, waren nicht so sehr die Träger der alten Familiennamen, als vielmehr die „Hausmeier“; also, wie man heute sagen würde: die Funktionäre, die „Manager“, die (angeblich) allmächtigen Generaldirektoren, die nun ihrerseits wieder, wenn der Sohn die technisch-kaufmännische Begabung, das Organisationstalent und die Tatkraft des Vaters geerbt hatte, ihr Amt an die nächste Generation weitergaben, also eine echte Majordomus-Dynastie begründeten. Die Reusch und die Springorum sind die vielleicht bekanntesten Beispiele hierfür. Diese Schicht von neuen Männern bildet jene „Union der festen Hand“, von der einmal, in den Zeiten der Republik, soviel, die Rede war. Daß sie, wie es die landläufige Meinung besagt, dann auch die prominenten „Träger nationalsozialistischen Gedankenguts“ geworden wären, läßt sich als verallgemeinerndes Urteil schwer aufrechterhalten.

Politik von gestern und Konzerne von heute

Die Liste der Namen, deren Träger nach 1933 ihrer Ämter enthoben worden sind, ist lang, und sie spricht eine andere Sprache. s. Springorum mußte den Vorsitz beim „Langnamenverein“ und bei der „Nordwestgruppe“ niederlegen; Dr. Schlenker, der Geschäftsführer dieser beiden in Personalunion stehenden maßgebenden Organisationen des Industrievereins, wurdest zwangsweise abgesetzt. Albert Vogler verlor Men Vorsitz im Verein deutscher Eisenhüttenleuten, Krup v. Bohlen die Leitung der Reichsgruppe I.ndustrie, Brandl den Vorsitz in der Bezirksgruppe ~e~ uhr des Kohlenbergbaus, v. – Loewenstein schied als Geschäftsführer des Bergbau Vereins aus, Ernst Poensgen mußte seine Ämter bei der Düsseldorfer Industrie- und Handelskammer und bei der „Nordwestgruppe“ niederlegen, und Henseler die Leitung desFeinblechvverbandes. Aus den Konzernleitungen schieden zwangsweise aus: Paul Reusch und Hermann Reusch von der GHH (Gutehoftnungshütte), Dr. Henle von Klöckner, der zugleich die Leitung des Stabeisen Verbandes verlor, und Dr. Löser, der zum Goerdeler-Kreis gehörte, bei Krupp. Der Übertritt von Goerdeler selbst in das Krupp-Direktorium wurde untersagt. Freiherr v. Wilmowsky, der Aufsichtsratvorsitzende der Friedr. Krupp AG., mit der Familie Krupp Bohlen verschwägert, wurde nach dem 20. Juli 1944 als Mitverschworener verhaftet. Ricken, der Leiter der Bergwerke im RWE-Konzern, starb 1943 für seine politische Überzeugung. Und Kost, der heutige Generaldirektor der DKBL, der schon 1934 als politischer Gegner des Systems verhaftet worden war, entging 1945 nur knapp dem Gestapokommando, das zu seiner Erschießung ausgesandt war.

Als bekannt darf gelten, wie im Prozeß gegen Alfred Krupp Bohlen und gegen die Krupp-Direktoren entschieden worden ist; mit dem Spruch, der nach dem freisprechenden Zwischenurteil wegen einer Kriegs verbrechenschuld unerwartet scharf auf Einbeziehung des gesamten Vermögens lautete – zu wessen Gunsten aber, ist freilich noch nicht gesagt...