In einer dunklen Aprilnacht des Jahres 1944 wandte das Mitglied der sowjetischen Einkaufskommission in Washington, Victor A. Kravchenko, dem Sowjetregime endgültig den Rücken, tauchte unter in der Millionenstadt New York und begann, eiskalte Furcht im Nacken, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Monate hindurch blieb er verborgen, wissend, daß kein amerikanischer Verleger mit seinen Aufzeichnungen ein Geschäft machen konnte. Hitler war Weltfeind Nr. 1 und die „tapferen Sowjets die getreuesten Alliierten“. Doch Kravchenkos Zeit kam. 1945 erschien ein Buch „I chose freedom“ und wurde ein Welterfolg. Millionen von Lesern erschauderten vor der brutalen Anklage gegen Moskau, die bald in 31 Ländern und Sprachen verbreitet wurde. Das Polit-Büro konnte nicht länger schweigen. Am 13. November 1947 schrieben „Les Lettres Françaises“ Kravchenkos Original-Memoiren hätten sich auf 60 Seiten unleserlichen Geschreibsels beschränkt; sein Name aber wäre unter ein bereits fertiggestelltes Werk des amerikanischen Nachrichtendienstes (OSS) gesetzt worden, in dessen Klauen er verschuldet und betrunken geraten sei. Soweit die französische Zeitschrift. Kravchenko klagte wegen Verleumdung auf Schadenersatz in Höhe von sieben Mill. Franc. Nach zweimaliger Vertagung soll nun, am 18. Oktober der Prozeß in Paris beginnen.

Für den Westen ist es immerhin neu, zu erfahren, daß die Sowjetunion während des Krieges einen „trunkenen Analphabeten“ und „betrügerischen Saboteur“ mit entscheidender diplomatischer Mission betraute. Und der Aufwand, mit dem die Kommunistische Internationale den „gefälschten Verleumdungen eines ehrlosen Individuums“ entgegentritt, macht zumindest stutzig. Gejagt und gehetzt, ohne Heimat und Familie, wechselt der frischgebackene USA-Bürger ruhelos von einem Ort zum anderen; ißt nie zweimal im gleichen Restaurant und selbst sein Anwalt, Maitre Izard, verkehrt nur durch einen Mittelsmann mit ihm. Das ist Kravchenko, der die Freiheit wählte.

27 Zeugen haben „Les Lettres Françaises“ zu ihrer Verteidigung aufgeboten. Leider wird der Verfasser des Artikels, ein gewisser Amerikaner, Sim Thomas, nicht erscheinen, um sich nicht „der unmenschlichen Behandlung des Komittees für unamerikanische Umtriebe auszusetzen. Dafür sollen aber neben dem Ehepaar Jolliot Curie und dem sagenumwobenen Chef des OSS, Donovan, vor allem zahlreiche Sowjetbürger aussagen. Unter ihnen General Rudenko, der einstige Ankläger aus Nürnberg, ehemalige Kollegen Kravchenkos und seine drei Ex-Gattinnen, von denen er zwei nicht zu kennen angibt. Kravchenko verlangt von seinen Gegnern den Beweis, daß die Sowjetunion sich heute nicht ausschließlich der Kriegsvorbereitung widme, daß die Sowjetbürger frei, die Regierungsform demokratisch und der Terror der MVD weniger stark als der der Gestapo sei. Kurz, daß er, wie behauptet, in seinem Buch die Unwahrheit gesagt habe.

Vor dem französischen Gericht aber wird Aussage gegen Aussage stehen. Die einzige Chance, die Wahrheit zu ermitteln, läge – in einem Lokaltermin, in einem Lokaltermin im Kreml, im Ural und in Sibirien. Und weil dies eine Utopie ist, scheint es, als säßen auch im Fall Kravchenko, die Trümpfe in der Hand des Ostens. C. J.