Paul G. Hoffman hat, als Verwalter der Marshall-Hilfe, 125 Mrd. France aus Marshall-Geldern zur Behebung der finanziellen Schwierigkeiten Frankreichs freigegeben und zunächst zwei Teilbeträge von je 45 Mrd. Francs vorgesehen. Es sind die Francsbeträge, die beim Verkauf der Marshall-Güter von den französischen Abnehmern – auf ein besonderes Konto der Bank von Frankreich einzuzahlen sind und dort bisher blockiert waren. Bei Lieferungen von 989 Mill. $ im ersten Marshall-Jahr werden es, bei einem Kurs von etwa 280 Francs je $, fast 280 Mrd. Francs sein. Falls ein anderer Verrechnungskurs Vereinbart oder der Franc, womit bei einem schwarzen Dollarkurs, von 460 zu rechnen ist, erneut abgewertet wird, würde sich der Francbetrag entsprechend erhöhen.

Französische Regierungen haben schon mehrfach Vorschläge unterbreitet, diese Gelder im Rahmen eines Sanierungsprogramms einzusetzen, aber die amerikanischen Stellen hatten bisher solche Anträge abgelehnt, weil die angegebenen Verwendungszwecke, so Senkung des Kohlen- und Brotpreises, einer „leichtfertigen Politik“ entsprächen und so nur inflationistische Tendenzen gefördert würden. Die Regierung Queuille hat also eine günstigere Atmosphäre vorgefunden; Washington betont aber, daß die politischen Kreise der USA mit dieser Freigabe das Programm der Regierung Queuille nicht besonders fördern wollen, sondern sich gegenüber jeder Regierung so verhalten haben würden, die ein aussichtsreiches Finanzprogramm vorgelegt hätte. Die Beträge sollen nur in dem Maße freigegeben werden, wie das französische Programm wirksam durchgeführt wird, um inflationistischen Gefahren vorzubeugen. Der Gesamtbetrag ist mit 125 Mrd. großzügig bemessen, und es ist wohl anzunehmen, daß im nächsten Jahr eine weitere Hilfe erfolgen wird.

Die 125 Mrd. sind aber auch erforderlich, um den Fehlbedarf des Schatzamtes zu decken. Dieser wurde einschließlich aller Nebenetats von Regierungsseite bis Ende des Jahres mit 270 Mrd. Francs angegeben. Er vermindert sich um 80 Mrd. an Steuereingängen aus dem neuen Steuerprogramm der Regierung Queuille, und um 35 Mrd. dank der Sparmaßnahmen. Es verbliebe also ein Loch von 155 Mrd. und, nach Einsats der freigegebenen 125 Mrd. Marshall-Gelder, noch ein Defizit von 30 Mrd., das durch Inanspruchnahme freier „Vorschüsse des Schatzamtes bei der Bank von Frankreich und durch Ausgab“ von Schatzscheinen gedeckt werden. kann. Mit der Freigabe der 125 Mrd. erlangt die Marshall-Plan-Verwaltung einen erheblichen Einfluß auf die französische Finanz- und Wirtschaftspolitik, denn sie will ja die Gelder nur freigeben, soweit sich dies im Rahmen der französischen Finanz- und Wirtschaftspolitik rechtfertigen läßt. Sie wird also Wünsche äußern, wie einst der Reparationsagent in Deutschland.

Diesen Marshall-Geldern steht die Einfuhr an Marshall-Gütern gegenüber. Im Rahmen der Direktlieferungen steht Frankreich nach dem Vorschlag vom 11. September, der wohl als end-– gültig anzusehen ist, im ersten Jahr mit 989 Mill. $ an zweiter Stelle nach Großbritannien mit 1,3 Mrd. Frankreich erhält also gut ein Fünftel der Marshall-Lieferungen, aber außerdem drei Fünftel aus dem Topf der innereuropäischen gegenseitigen Hilfe, nämlich Waren für 323 Mill. $, von den 564 Mill., die Großbritannien, Belgien, Schweden, Italien, die Türkei und die Doppelzone aus eigener Kraft aufbringen. Einschließlich dieses Anteils steht Frankreich unter den Nutznießern des Marshall-Planes trotz seiner überseeischen Reichtümer mit mehr als 1,3 Mrd. $ mit Abstand an erster Stelle, während Großbritannien und Belgien, vor allem wegen ihrer – überseeischen Besitzungen, zur gegenseitigen europäischen Hilfe erheblich beitragen müssen. Dies hat viele bittere Kommentare ausgelöst. So schrieb zum Beispiel „News Chronicle“: „Während der nächsten zwölf Monate wird Frankreich von der Hilfe nicht nur Amerikas sondern auch seiner Nachbarn leben. Das ist eine demütigende Lage für ein Land, das potentiell das reichste Europas ist.“

Für das Schicksal nicht nur Frankreichs, sondern auch Europas wird von entscheidender Bedeutung sein, wie Frankreich diesen Segen an Marshall-Geldern und -Gütern verwendet. Die ersten 45 Mrd. Francs sind für den Ausbau von Grundindustrien, für Kraftwerke, Kohlenbergbau, Eisenbahn, Düngemittel vorgesehen, aber immer häufiger werden Zweifel laut, ob die Industrialisierung nach dem Monnet-Plan der gegebene Weg für das Frankreich ist, das eine gewisse Abneigung gegen Großbetriebe hat und das leichte Leben dem Glanz des wirtschaftlichen Fortschritts vorzieht. Kein geringerer als Reynaud, ein typischer Vertreter des modernen Industriekapitalismus, hat dies klar gesehen und die Landwirtschaft als die wichtigste nationale Industrie Frankreichs bezeichnet. Sein Vorschlag lautete, dem überindustriealisierten europäischen Kontinent nach dem Verlust der Agrarbasis des Ostens in Frankreich die notwendige Ernährungsbasis zu geben –, aber Reynaud ist, wenn auch nicht aus diesem Grunde, gescheitert. Reynaud hat ferner auf die Gefahren einer Reaktion in den Vereinigten Staaten hingewiesen, falls die Marshall-Gelder in Europa „unnütz verschleudert würden. Dieses Moment ist durch die Entscheidung über die Verwendung der ersten 45 Mrd. etwas in den Hintergrund getreten, würde aber das Problem wenden, sobald durch diese großzügige Freigabe von 125 Mrd. die französische Regierung zu einer leichtfertigen Politik verleitet würde. Hoffman will das nicht zulassen, aber John Taber könnte in dieser so schwer zu entscheidenden Frage anderer Meinung sein.

–pp.