Von Hans Schlange-Schöningen

Politik ist die Kunst des Möglichen. Es gibt wohl kein Ressort in der deutschen Verwaltungsmaschinerie, das so unter diesem Gesetz steht, wie die Verwaltung für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Schon die Kombination derart heterogener Elemente, wie Landwirtschaft einerseits und Ernährung anderseits stellt fast ein Kuriosum dar. Daß auch die Kritik an den Maßnahmen einer solchen Zwitterverwaltung sich an den einander widerstrebenden Interessen zu besonders hohen Wellen türmt, ist selbstverständlich. Ein solches Amt zu führen, dazu bedarf es einer ungewöhnlichen Kunst des Improvisierens, des sorgsamen Abwägens der jeweils besonders vordringlichen Entscheidungen und des geduldigen Wartenkönnens, für die man vom Außenstehenden kaum Verständnis erwarten könnte,

Als ich vor fast drei Jahren dieses Amt übernahm, konnte es zunächst nur eine einzige Aufgabe geben, nämlich die, das Volk über die ungeheure Ernährungsnot hinwegzuführen. Angesichts der erschreckend rückläufigen deutschen Eigenerzeugung und der erst allmählich anlaufenden ausländischen Hilfslieferungen war diese Aufgabe nur als ein Durchhungern zu lösen und auch das nur, wenn die inländischen Nahrungsquellen mit allen Mitteln einer zusehends dahinschwindenden Staatsautorität bis zum Äußersten, man muß schon sagen, ausgepreßt wurden.

Was dabei dem deutschen Landmann zugemutet werden mußte, war ungeheuerlich, und was er trotz aller Hindernisse geleistet hat, kann gar nicht hoch genug erkannt werden. Was auf der anderen Seite dem Konsumenten an Entbehrungen auferlegt wurde, konnte man ihm nur zumuten, wenn man fest davon überzeugt war, daß nach dieser Zeit der Not eine Aufwärtsentwicklung in dem Augenblick einsetzen würde, in dem mit einem Umschwung in der Weltmeinung Deutschland gegenüber, die Hilfe des Auslandes in größtem Maße beginnen würde. Man hat diesen Optimismus oft geschoben, aber die Entwicklung hat dem Optimisten recht gegeben. Daß wir aber jenen Anschluß an die Entwicklung gefunden haben, dafür schuldet die Welt dem deutschen Volk Anerkennung, das in beispielloser Disziplin durchgehalten hat und nicht in eine Explosion der Verzweiflung ausgebrochen ist. Es hat oft so ausgesehen, als ob hinter diesen Sorgen um die Erhaltung des nackten Lebens die in gleicher Weise drängende Sorge für die Bauern über Gebühr in den Hintergrund gedrängt worden sei. Daß das tatsächlich nicht der Fall war, dafür lassen sich aus der Arbeit der Verwaltung zahlreiche Beispiele anführen, die vielleicht nicht so in die Augen sprangen, aber insgesamt doch die Voraussetzung für ein Wiedererstarken der Landwirtschaft geschaffen haben. Daß es heute bereits möglich ist, nahezu friedensmäßige Handelsdüngermengen der westdeutschen Landwirtschaft zur Verfügung zu stellen, daß heute 10 v. H. der deutschen Stahl- und Eisenproduktion der Landwirtschaft zur Verfügung steht, die in normalen Zeiten nur etwa 5 v. H. in Anspruch nahm, daß es gelungen ist, trotz des Ausfalls der Saatgutbetriebe des Ostens die Saatgutversorgung mit Getreide und Kartoffeln der Westzonen aus eigener Erzeugung sicherzustellen, sei nur erwähnt.

Eine der wesentlichsten Aufgaben war die Neuordnung der landwirtschaftlichen Preisverhältnisse. Eine Aufgabe, die in zwei Etappen und mit zwei verschiedenen Zielrichtungen durchgeführt worden ist. Die erste Preisaktion im Frühjahr dieses Jahres diente vor allem der Lenkung der deutschen Agrarproduktion in die – als notwendig erkannte neue Richtung einer steigenden Intensität im Stall und auf dem Feld: Kartoffeln zur Intensivierung des Ackerbaus und Milch zur Intensivierung der tierischen Produktion. Preiserhöhungen für Öl- und Hülsenfrüchte, die gleichzeitig durchgeführt wurden, waren an diese beiden Haupterzeugnisse nur angehängt. Die zweite Etappe, deren Durchführung eigentlich für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen war, erwies sich in dem Augenblick als unbedingt notwendige Sofortmaßnahme, als nach der Währungsreform die Aufhebung der staatlichen Bewirtschaftung auf weiten Gebieten des industriellen und gewerblichen Sektors die Preise für die landwirtschaftlichen Betriebsmittel zu einer Höhe hinaufklettern ließ, die die Rentabilität unserer Landwirtschaft aufs ernsteste gefährdete und zwangsläufig zu einer Extensivierung der landwirtschaftlichen Erzeugung geführt hätte, wenn nicht die soeben gegen erheblichen Widerstand durchgekämpfte Preiserhöhung für Getreide und Vieh die Dinge wieder einigermaßen in Ordnung gebracht hätte.

Ich kann mich in diesem Zusammenhang nicht noch einmal mit den Plänen auseinandersetzen, die von anderer Seite zur Lösung der Krise in der Landwirtschaft und in der Versorgung gemacht wurden. Freie Spitzen können die Unordnung, in die die Dinge teilweise geraten sind, nur zum Chaos steigern. Die Erhöhung der Agrarpreise stellt, darüber kann kein Zweifel bestehen, eine ernste Belastung für den Konsum menten dar. Auch die neuen Preise können die Wünsche der Landwirtschaft nicht restlos erfüllen, aber sie kommen diesen Wünschen doch schon weitgehend entgegen, und sie stellen das Äußerste dar, was im Interesse der Konsumenten noch verantwortet werden konnte. Den Landwirten muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß es sinnlos ist, in alter Landbundmanier überspitzte Forderungen zu stellen, und daß es angesichts der allgemeinen Not einzig und allein darauf ankommen kann, der Landwirtschaft die Aufrechterhaltung ihrer Betriebe und ein ganz bescheidenes Auskommen zu gewährleisten, daß aber die Zeit des Verdienens für das gesamte Volk noch lange auf sich warten lassen wird. Und den-Konsumenten muß mit eben solcher Offenheit gesagt werden, daß, wenn sie nicht bereit sind, dies Opfer der neuen Brot- und Fleischpreise zu bringen, die unvermeidliche Folge aln Rückgang der Eigenerzeugung sein würden unter der letzen Endes doch nur wieder der Verbraucher zu leiden hätte. In allen Ländern der Welt muß der Verbraucher heute einen größeren Heil seines Einkommens für die Ernährung ausgeben als vor dem Kriege. Deutschland, das den größten Krieg aller Zeiten verloren hat, kann nicht erwarten, billiger leben zu können als andere Völker.

Bei dieseni Bemühen, die Interessen der Landwirtschaft einerseits und der Verbraucher andererseits sorgsam aufeinander abzustimmen, ist der richtige Mittelweg gefunden worden. Aber damit ist nur ein kleiner Teilausschnitt unseres gesamten Wirtschaftslebens in eine gewisse Ordnung gebracht. Eine Ordnung, die auch der optimistischste Beurteiler auf anderen Gebieten zu erkennen vergebens sich bemüht. Wenn wir den todkranken Körper unserer Volkswirtschaft Wieder kurieren wollen, dann müssen wir einen Gesamtplan für die Heilmethode haben und müssen an die Probleme mit einer umfassenden Gesamtkonzeption herangehen. Manche Kreise der Industrie sind sich dieser Notwendigkeit noch nicht hinreichend bewußt. Die hemmungslose Ausnutzung der wiedergewonnenen Freiheit wird Tages schwere Folgen zeitigen, wenn es nicht im Zusammenspiel freiwilliger Selbstbeschränkung und amtlicher Einwirkung gelingt, auch diese Teile der Volkswirtschaft in die Front der Vernünftigen einschwenken zu lassen. Unter einer solchen Gesamtkonzeption ist ein vernünftiges und wohlabgewogene? Verhältnis zwischen Agrarpreisen, Industriepreisen und Volkseinkommen, das heißt Löhnen, zu verstehen. Die Preisentwicklung auf dem industriellen und auf dem landwirtschaftlichen Sektor wird, darüber kann kein Zweifel bestehen, Lohnbewegungen auslösen, denen die Aufhebung des Lohnstops den Weg geöffnet hat. Aber auch diese Bewegung und die berechtigte Forderung nach höheren Löhnen, muß, ihre Grenze dort finden, wo überspitzte Forderungen die Gefahr einer inflationistischen Entwicklung heraufbeschwören würden. Diese Grenze zu finden, wird nur möglich sein, wenn sich alle beteiligten Kreise einmal an einen runden Tisch setzen und versuchen, die Gesamtkonzeption unseres zukünftigen Wirtschafts-– lebens zu finden. Wir könnten dem Ausland keinen besseren Beweis für die erfolgreiche Demokratisierung des deutschen Volkes liefern, als wenn es uns gelänge, ein solches gemeinsames Gespräch am runden Tisch in Gang zu bringen und zu gutem Ende zu führen.