Palmiro Togliatti, der nach dem Attentat vom 14. Juli als politisch ausgeschaltet galt, ist als Triumphator und als Propagandist der Volksfrontideologie ins politische Leben Italiens zurückgekehrt. Das come back des italienischen Kommunistenführers ist dabei nicht einmal so überraschend wiedie politische Kehrtwendung, die er gleichzeitig damit vollzieht. Schon nach ihrer Wahlniederlage vom 48. März hatten sich die italienischen Kommunisten von den parlamentarischen Methoden der Volksfrontpolitik abgewandt Das Attentat schließlich hatte den Kurs auf die direkte Aktion und die gewaltsameMachtergreifung nur noch verstärkt. Jetzt jedoch polemisiert Togliatti plötzlich mit ungewöhnlicher Schärfe, ja bissiger Ironie gegen die Parolen des bewaffneten Aufstandes und des Partisanenkampfes. Es fehlt zwar nicht an Stimmen, die dieses Auftreten Togliattis auch als politisches Begräbnis erster Ordnung deuten. So ganz zufällig aber ist der sich hier anzeigende Kurswechsel nicht. Direkte Aktionen dürften bei den scharfen Gegenmaßnahmen der Regierung de Gasperi wenig Aussicht auf Erfolg haben. Auf der anderen Seite aber können die Kommunisten damit rechnen, daß breite Schichten der italienischen Bevölkerung bei dem Ansteigen der Preise, der Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Zersplitterung der sozialistischen Bewegung neuen Volksfrontargumenten wieder zugänglich sind.

Auch in Frankreich kommt die Volksfrontideologie wieder auf. Abgeordnete der sozialistischen Partei und sogar der katholischen MRP argumentieren immer häufiger dahin, daß die Basis der französischen Regierung nach links erweitert werden müsse, um Neuwahlen und einen Sieg des Gaullismus zu verhindern. Derlei Argumente kommen den Kommunisten offensichtlich sehr gelegen. Maurice Thorez, der wieder den Ton angibt, schonte in seinen letzten Reden die Linksparteien, ja sogar die Regierung Queuille und konzentrierte seine Angriffe auf de Gaulle. Die von Thorez geforderte Volksfrontregierung soll durch ein französisch-russisches Bündnis den Frieden in Europa sichern. Auf große Teile des französischen Volkes, die in Angst vor einem neuen Krieg leben, ist die Wirkung dieser Parolen ohne Zweifel verführerisch. Die augenblicklich ganz Frankreich aufwühlenden Streiks jedoch sind wohl kaum die geeignete Begleitmusik dazu. Sie haben allerdings auch bestätigt, daß die Straße in Frankreich den Arbeitern gehört.

Die Streikbewegung breitet sich ständig aus, so daß man schon bald von einem Generalstreik sprechen könnte. Die Auswirkungen sind katastrophal.Das ganze Programm der Regierung ist kurz nach Annahme des Finanzgesetzes und nach Bewilligung von je 45 Milliarden Franca an Marshall-Geldern für September und Oktober gefährdet. Die Regierung mahnt zur Vernunft, kann aber bestenfalls hoffen, daß Geldmangel die Gewerkschaften zu einer Änderung ihrer Taktik zwingt. Die Führung liegt in den zielbewußten Händen der kommunistischen CGT-Gewerkschaften, aber auch die anderen Gewerkschaften müssen mitmachen, denn die eigentliche Forderung der Arbeiter: Lohnerhöhung als Ausgleich für die Preissteigerung, kann kaum als unberechtigt bezeichnet werden.

Die Preiserhöhungen der letzten Wochen und Tage haben in der Tat ein bedenkliches Ausmaß angenommen. Der Brotpreis wurde um 46 v. H. erhöht, die Fleischpreise zogen um 11 bis. 20 v. H. an, die Tabakpreise um 39 v. H. auf das Vierundzwanzigfache der Vorkriegszeit, die Tarife der Pariser Verkehrsmittel bis auf das Doppelte. Der Kohlepreis soll um 22,5 v. H. erhöht werden, was weitere Preissteigerungen für Stahl, Strom, Gas und Düngemittel nach sich ziehen muß. Die Streiks wiederum werden nicht ohne Auswirkung auf die Preise sein. Das Ende ist nicht abzusehen. John Foster Dulles fuhr, entsetzt über diese Lage, eiligst und unerwartet nach New York und soll Dewey dargelegt haben, daß nur de Gaulle Frankreich retten könnte. Diese „Lösung“ dürfte wahrscheinlicher sein als ein erneuter Versuch mit einer Volksfrontregierung.

W. G.