In Flossenburg wurde die Einzelabsperrung noch strenger gehandhabt als in der Prinz-Albrecht-Straße. Die Bewachungsmannschaft war durch den Lagerdienst völlig verroht. Von allem Verkehr mit der Außenwelt waren wir völlig abgeschlossen. Nachts hörten wir die Erschießungen und die Schreie der Exekutierten. Jeden Vormittag konnte ich beim einsamen Spaziergang auf dem Gefängnishof Dutzende von Leichen in länger Kolonne auf Tragbahren vorbeitragen sehen, um im angrenzenden Wald verscharrt zu werden. Ein Galgenplatz befand sich direkt auf dem Gefängnishof, wo wir spazierengingen.

Wenn auch der nahende Zusammenbruch sich In der steigenden Unruhe der Bewachungsmannschaften fühlbar machte, so war es doch eine große Überraschung, als am 8. April plötzlich eine neue Überführung eines Teiles von uns erfolgte, und zwar in das Konzentrationslager Dachau. Es waren außer mir Familie Schuschnigg, Generaloberst Halder und General Thomas. Dagegen blieben von den Gesinnungsgenossen, die mit mir zusammen von Berlin nach Flossenburg übergeführt worden waren, zurück Admiral Canaris, General Oster und mein lieber Freund Dr. Strünck, der mit seiner Frau uns allen ein Eckpfeiler im Kampf gegen Hitler gewesen war. Sie alle sind,-wahrscheinlich am Tag nach unserm Abtransport, mit mehreren anderen gehängt worden, obwohl gegen sie noch keinerlei Gerichtsurteil vorlag.

In Dachau waren die Zügel schon etwas gelockert. Der bevorstehende Zusammenbruch warf seine Schatten voraus. Das Wachpersonal bestand nicht mehr nur aus SS-Mannschaften, sondern kriegsversehrte Wehrmachtssoldaten wechselten im Dienst mit ihnen ab. Die Frage, wie sie sich gegebenenfalls in Sicherheit bringen könnten, spielte – bei den SS-Leuten schon eine große Rolle. Gelegentlich hatten einige von ihnen sich schon heimlich aus dem Staub gemacht. Unsere Zellentüren blieben offen. Wir konnten tagsüber im Hof spazierengehen und uns auf dem Rasen sonnen. Noch während wir in Dachau waren, wurde ein Bombenunterstand gebaut, in den wir bei jedem Luftangriff, der auf München und Umgebung geflogen wurde, hineinkrochen. Nachmittags konnten wir in dem Unterkunftsraum der Familie Schuschnigg die Rundfunksendungen abhören.

Unsere Gemeinschaft bestand nahezu ganz aus „Prominenten“. Da waren, außer den bereits Genannten, Frankreichs früherer Ministerpräsident Léon Blum mit Gattin, der Großindustrielle Fritz Thyssen mit seiner Frau, der bisherige Militärgouverneur von Belgien, General v. Falkenhausen, der Vorsitzende der Bayrischen Volkspartei, Dr. Josef Müller, der russische Fliegerleutnant Kokorin, ein Neffe Molotows, ferner die beiden Engländer Best und Stevens, die seinerzeit von der Gestapo an der holländischen Grenze gekidnapt worden waren. Von alten Dachauer Insassen stießen wir auf meinen Dahlemer Gemeindepfarrer Niemöller, der nunmehr schon im achten Jahr im Konzentrationslager saß, und auf den Prälaten Neuhäusler, der jetzt Bischof in Freising ist. Ein anderer mir bekannter Insasse hatte Erlaubnis, von Zeit zu Zeit nach München in seine Fabrik zu fahren, so daß wir dadurch auch wieder etwas Kontakt mit der Außenwelt hatten. Wir hofften wieder. Die Amerikaner kommen

Nach zwei Wochen in Dachau verlud man uns gegen Ende des Monats April nach Südtirol, wo wir endlich in Pragser Wildsee von den Amerikanern übernommen wurden. Auf dem Transport dahin war nach und nach eine ganze Reihe von Sippenhäftlingen zu uns gestoßen. Dadurch erst erfuhr ich in praxi, daß Hitler von verdächtigen Personen, deren er nicht habthaft werden konnte, die nächsten Verwandten, Frauen und Kinder, Geschwister und Vettern, einsperren, ließ, um auf diese einen Druck zu etwaigem Verrat oder um einen Terror gegen die nicht erreichbaren Verdächtigen auszuüben. Wir trafen die Familien Stauffenberg, Lindemann, Gördeler, Hammerstein u. a., so daß wir schließlich auf eine Zahl von etwa 130 anwuchsen.

Die Schlußepisode in Tirol war nicht ohne Spannung. Nicht nur suchten die italienischen Partisanen, die sich in den Dolomiten aufhielten, uns zu überreden, uns in ihre Hände zu übergeben, sondern unsere – SS-Wachmannschaften erörterten allen Ernstes noch die Ausführung des ihnen gegebenen Befehls, uns „umzulegen“. Es kam eines Abends zu einem ziemlich ernsten Rencontre; doch befreiten uns schließlich auf dem Rückmarsch befindliche deutsche Truppen, die aus Italien kamen, von unserer SS-Begleitung.

Es war eine große Enttäuschung für meine KZ-Kameraden und mich, daß uns die Amerikaner nicht in Freiheit setzten. Wir hatten ja monatelang ohne Zeitung gelebt und wußten nichts von dem Kriegsverbrecherprozeß, der sich vorbereitete. Noch größer freilich war für mich die Enttäuschung, als ich nach etwa acht Tagen erfuhr, daß ich unter die Kriegsverbrecher gerechnet wurde. Seit dem Herbst 1938 hatte ich ständig mein Leben gegen Hitler riskiert. Vorher und nachher hatte ich mit allen Mitteln gegen den Krieg gekämpft und nun sollte ich plötzlich Kriegsverbrecher sein. Langsam erst wurde es mir klar, welche ungeheure gedankliche und moralische Verwirrung das Hitlersystem und der von Hitler vom Zaun gebrochene Krieg in den Köpfen der gesamten Menschheit angerichtet hatte. Wer unter Hitler gearbeitet hatte, der war verfemt, auch wenn er von innen heraus Hitler bekämpft hatte, wie ich es getan. Der Pesthauch dieses Mannes hatte sich auf seine ganze Umgebung gelegt, unbeschadet dessen, was der einzelne getan hatte. Noch einmal würde ich monatelang durch ein halbes Dutzend Lager und Gefängnisse geschleppt, um dann endlich fast ein volles Jahr im Nürnberger Gefängnis zu vegetieren, wo wir während des Prozesses ohne Rücksicht auf das noch nicht gefällte Urteil bereits völlig als Verbrecher behandelt wurden.