Man trägt wieder Herz

Als vor einer Generation Frank Wedekind in einer scheinbar wohlgeordneten Zeit das Jugendproblem von der sexuellen Seite her anpackte und mit „Frühlingserwachen“ die Gemüter aufwirbelte, begann jene Epoche, die wir als das „Zeitalter des Kindes“ (oder der Jugend) bezeichneten. Ein Dutzend Jahre später schrieb Max Dreyer sein Pubertätsdrama „Die Siebzehnjährigen“. Nach dem ersten Weltkrieg war es der Gegensatz der Generationen, der in vielen Dramen seinen Niederschlag fand. Und heute steht die Jugend wieder im Mittelpunkt leidenschaftlich geführter Diskussionen. Aber diesmal werden sie nicht so sehr von Erwachsenen geführt; die Jugend hat ihre Anliegen selbst in die Hand genommen. Es geht nun nicht mehr um sexuelle Nöte, überhaupt kaum noch um private Gefühle, sondern um Begriffe wie Freiheit, Vaterland, Verantwortung, Schule, Solidarität, also um den großen Komplex tiefbewegender Tagesfragen, bei denen nur gelegentlich auch das Persönliche mitschwingt.

Nun kommt da ein Stück von draußen und demonstriert uns. das auf der Bühne. Es ist keineswegs in diesen letzten Jahren geistiger Wirrnis geschrieben, sondern schon vor stark zehn Jahren, und kommt ausgerechnet aus Frankreich, das uns letzthin mit einer ganz anderen Gattung Dramen versorgte. Dieses Stück „Die Zwanzigjährigen (im französischen Titel „Altitude 3200“) von Julian Luchaire, war, wie wir hören, vor dem Kriege ein großer Erfolg auf dem Theater und dann im Film. Wir können verstehen, warum. Mitten in einer Zeit überspitzter und verzerrter Dialektik stellt da einer eine Schar junger Menschen auf die Bühne, denen nach einem Aufstieg auf einen Berggipfel der französischen Alpen der Weg zurück durch einen Bergrutsch abgeschnitten ist. Sie bleiben im schützendenBerggasthaus auf der Höhe (daher der französische Titel), und aus den Wochen werden Monate eines Winters, der jeden Versuch eines Abstieg? unmöglich macht. So bildet sich eine kameradschaftliche Gemeinschaft mit starker Neigung zu tieferen Gefühlen, die oft auch zu Gegensätzen, ja in einem Fall sogar zum Freitod führen. Das Stück lebt – echt französisch – von der Konversation (die gute Übersetzung stammt von dem Essener Karl Jacobs). Es wird viel geredet, aber es hat seinen Reiz, weil immer ein herzhafter Unterton mitschwingt und nichts banal wirkt, was diese jungen Menschen untereinander auszutragen haben.

Mit der Frische und Unbekümmertheit im geradezu naiven Ablauf der fünf Bilder, mit der positiven Thematik des Stückes und einem wirklich erfreulichen Zusammenspiel der dreizehn jungen Künstler (Spielleitung Klaus Heydenreich, Bühnenbild Heinz Meerheim), errang die Aufführung im Theater zu Essen einen überraschend stürmischen Erfolg. H. G. Fellmann

Das Zeichen des Jona

Und siehe, hier ist mehr denn Jona“ – diese Worte aus dem Lukas-Evangelium, im Programmheft kaum zu finden, trug wohl jeder mit heim, der diesen interessanten Abend der Bremer Kammerspiele in der „Glocke“ erlebte. Günther Rute’nborns Zeitstück – eigentlich ist es nur eine Kanzelpredigt – ist mehr als bloß ein Gleichnis des alttestamentarischen Jona, der vom Walfisch ausgespien, alsschlichter U-Boot-Kommandant durch das moderne Geschehen fährt; mehr auch als nur eine Anhäufung christlicher Gedankengänge. Rutenborns „Jona“ ist das flammende Fragezeichen unserer Gegenwart: „Ist Gott schuldig?“ – „Er ist es“, so müßten wir sagen –, wollten wir den klagenden Menschen, den Männern und Frauen aus dem Volk unserer Zeit und – surrealistisch gelöst – aus dem jüdischen Babylon, glauben. Hier wird Gericht gehalten, menschlich, allzu menschlich. Und Gott wird verurteilt, Mensch zu sein. Er selbst, er, der den Richter spielte, verdammt sich. Die Szene wechselt. Jona tritt an den Richtertisch und führt die Menschen seiner Zeit, wenn auch nicht zum Erkennen, so doch zur Ahnung und zum Nachdenken über sich selbst – und über Gott. Hier liegt der Kern dieses britischen Zeitstückes verborgen: – es regt an, es erschüttert, doch es kann keine Lösung der Probleme bringen. Die Lösung zu finden, ist uns überlassen,

Ernst Karchow verdient Dank für eine mustergültige Inszenierung, die in ihrer Einfachheit und Unpathetik den Absichten des Autors vollkommen gerecht wurde. Kurt Reuter