Die ersten Jahre der Hitler-Regierung gaben in vielen Dingen Veranlassung zu Hoffnung und Vertrauen. Ich habe dabei weniger die friedfertigen Reden Hitlers im Auge, die sich später als eitel Lug und Trug herausstellten, als vielmehr die praktischen Leistungen. Das Heer der Arbeitslosen wurde im raschen Tempo beseitigt. Die Kredithilfe der Reichsbank trug zur Wirtschaftsbelebung und zur Steigerung der Staatseinnahmen erfolgreich bei. Die Festsetzung der Arbeitslöhne erfolgte unter Mitwirkung der staatlichen „Treuhänder der Arbeit“; zur Zufriedenheit von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeitsfriede war gesichert. Streiks und Aussperrungen gehörten der Vergangenheit an. Organisatorische Einrichtungen, wie Betriebs-, obmänner, Arbeitsdienst, Landjahrverpflichtung usw., eröffneten die Aussicht auf dauernde Beseitigung des Klassenkampfes. Das Ausland konnte sich kaum genug tun im Staunen über diese Maßnahmen und ihre Erfolge. Mit vollem Recht schreibt der verstorbene englische Botschafter in Berlin, Sir Neville Henderson, in seinem Buch „Failure of a mission“: „In der Tat gab es in der Naziorganisation und ihren sozialen Einrichtungen manche Dinge, die wir studieren und für unseren eigenen Gebrauch anwenden könnten mit großem Nutzen für Gesundheit und Wohlfahrt unseres eigenen Volkes und unserer alten Demokratie.“ Ähnliche Aussprüche führender und urteilsfähiger Ausländer lassen sich zahlreich beibringen. Ein so kritisch abwägender Beobachter wie der frühere amerikanische Unterstaatssekretär Sumner Welles schreibt in seinem vortrefflichen Buch „The time for decision“ über jene erste Hitler-Zeit: „Die Wirtschaftsinteressenten in jeder einzelnen der westlichen Demokratien, und der Neuen Welt begrüßten den Hitlerismus als einen Schutzwall gegen den Kommunismus.“

Und doch gab es daneben schon die Konzentrationslager, es gab das Parteiblutbad vom 30. Juni 1934, und es gab schon alle Ansätze der Gewaltherrschaft, alles offenbare und bekannte Erscheinungen. Als wie verbrecherisch sie auch angesehen worden sein mögen, sie haben keine auswärtige Regierung von ihren Beziehungen zur Hitler -Regierung. abgehalten. Man schloß mit Hitler Verträge; man schickte diplomatische und militärische Informations- und Verbindungsmänner; aktive Minister und andere führende Politiker statteten Besuche in Berlin ab; internationale Kongresse, vor allem die Olympiade, brachten Tausende von Ausländern nach Deutschland. Wie sollte das deutsche Volk zum Bewußtsein kommen, unter einer verbrecherischen Regierung zu leben, wenn das Ausland dieselbe Regierung so achtungsvoll behandelte?

Immer wieder ist im Nürnberger Prozeß das Erstaunen und die Frage aufgekommen, wie ein so kluger Mann – dies Kompliment billigte man mir zu – auf Hitler habe hereinfallen können. Ich habe darauf zwei Antworten, die sich ergänzen. Ich frage zurück, ob nicht die ganze Welt auf Hitler hereingefallen ist? Und licher bin ich nicht klüger als die Welt. Warum reagierte das Ausland auf Hitler anders als auf seine Vorgänger? Der erste große Bruch des Versailler Vertrages war die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935. Wie reagierte das Ausland darauf? Der englische Außenminister Sir John Simon verkündete: „Es bestehen keine Zweifel, daß in Aussicht genommen war, auf die erzwungene Abrüstung Deutschlands eine vereinbarte Herabsetzung in den Rüstungen anderer großer Staaten folgen zu lassen.“ Das war alles und gab nur wieder, was zahlreiche alliierte Staatsmänner auf den verschiedenen Völkerbundstagungen immer wieder den Anwesenden ins Gewissen gerufen hatten. Daß sie es vergeblich getan hatten, ließ jetzt das Vorgehen Hitlers als gerechtfertigt erscheinen. Acht Tage nach dem Erlaß des Wehrgesetzes konnte Hitler den Besuch der beiden englischen Minister Simon und Eden in Berlin buchen.

Ein weiterer sichtbarer Vertragsbruch war die militärische Wiederbesetzung des Rheinlands im März 1936, die nicht nur gegen das Versailler Diktat, sondern auch gegen den freiwillig geschlossenen Locarnopakt verstieß. Auf diesen Vertragsbruch erklärte Mr. Baldwin im britischen Unterhaus, man könne zwar Deutschlands Handlungsweise nicht entschuldigen, doch bestände kein Anlaß zu der Annahme, daß diese Aktioneinen feindseligen Akt beinhalte. Und wenige Tage später legten die Partner des Locarnovertrages dem Völkerbundsrat ein Memorandum vor, welches eine Beschränkung der deutschen Truppen im Rheinland auf 36 000 Mann vorschlug, die Besetzung selber also anerkannte.

Als Im Sommer 1936 die Wiederbefestigung von Helgoland bekannt wurde, bemerkte Außenminister Eden Im britischen Unterhaus, es werde nicht für opportun erachtet, die gegenwärtigen Verhandlungen über ein englisch-deutsches Seerüstungsabkommen durch Erörterungen über solche Einzelfragen zu erschweren. Das Naval Agreement mit Deutschland kam dann zustande und bestätigte Deutschlands Wiederaufrüstungsrecht auch de jure.

Alles dies zeigt, daß Hitler trotz aller „Verbrechen“ vom Ausland vollgültig rezipiert, und mehr respektiert wurde als seine „moralischen“ Vorgänger. Glaubt jemand, daß das ohne Eindruck auf die deutsche Bevölkerung bleiben konnte? Die entsagungsvolle Geduld und Bescheidung der demokratischen Regierungen Stresemann, Brüning usw. hatte von Demütigung zu Demütigung geführt. Die auftrumpfenden Methoden Hitlers heimsten Erfolg auf Erfolg ein und Anerkennung über Anerkennung. Daß man geflissentlich ihm die Unmoral und Gewalttätigkeit seines Handelns nachsah, hat sehr viel dazu beigetragen, daß auch das deutsche Volk die Mißachtung sittlicher Grundsätze so leicht passieren ließ.