Arzneimittel gehören zu den Dingen des täglichen Bedarfs. Ist also die Arzneimittel-Industrie „konsumnahe“? In der Theorie: ja. Legt man jedoch die allgemeine Erfahrung zugrunde, daß nach der Geldreform die konsumnahe Industrie sich besonderer Liquidität erfreute und die Folgen dieser Reform am leichtesten überstand, so trifft das auf die pharmazeutische Industrie keineswegs zu. Nicht nur herrscht eine weitverbreitete Illiquidität, sondern auch der Auftragsrückgang ist erheblich; erliegt im Durchschnitt bei 50 v. H.

Das überrascht um so mehr, als, bis zur Geldreform, immer von einer „bedrohten Arzneimittelversorgung“ die Rede war, und jeder einzelne die Erfahrung machen konnte, daß bestimmte Präparate entweder gar nicht oder nur nach langen Wanderungen von Apotheke zu Apotheke erhältlich waren. Der Käufer, der heute das Verlangte anstandslos bekommt, ist natürlich geneigt, nun auch hier von „Hortung“ Zu sprechen und die Industrie dafür verantwortlich zu machen.

Zweifellos sind bestimmte Präparate gehortet worden, wenn auch am wenigsten bei der Industrie, die hieran gar kein Interesse haben konnte, und deren Produktion außerdem nicht nur von den deutschen, sondern auch von den alliierten Behörden genauestens kontrolliert wurde. Aber es wäre heute sinnlos, hierfür nun die Apotheker oder die Großhändler allein verantwortlich zu machen. Die hinter uns liegende Zeit hatte ihre eigene Gesetzlichkeit – oder Ungesetzlichkeit, deren Problematik so viel tiefer liegt, daß es wohl kaum möglich ist, hier Schuldsprüche und Verdammungsurteile zu fällen. Wenn ein Arzneimittel mit anerkanntem und bewährtem Namen so etwas wie eine Golddevise geworden war, so lag die Gefahr des Hortens und Hamsterns um so näher, wenn es eine Reihe von Austauschpräparaten gab, die im Einzelfall häufig nicht einmal schlechter waren. Es bestätigt dies nur die Tatsache, daß Arzneimittel keine „Waren“ im üblichen Sinne sind, sondern ihr besonderes Kriterium tragen, das nicht nur in ihrer Qualität, sondern auch in ihrem Namen liegt. Nur so ist es auch zu erklären, daß heute manchmal neue gute und wissenschaftlich fundierte Präparate nahezu unverkäuflich sind, wohingegen alte, die von der wissenschaftlichen Entwicklung zum Teil bereits überholt sind, auf Grund ihres Namens nach wie vor ihren Umsatz haben. –

Dieses Prae eines alten, in Jahrzehnten erworbenen Namens kommt heute den alten, bekannten Firmen zugute, aber es macht ihre eigenen neuen Präparate darum auch nicht schneller oder leichter verkäuflich als die von neueren Firmen. Mit anderen Worten: seitdem die Zeit vorbei ist, wo bei Kaufkraftüberhang – und mangelnder Hilfsstoffversorgung (denn die Schwierigkeiten der pharmazeutischen Industrie vor der Reform lagen besonders auf dem Verpackungsmittelgebiet), jedes Präparat, das nur einigermaßen den Anforderungen an ein Heilmittel entsprach, gekauft wurde, kommt es nun wieder darauf an, die Arzneimittel auf dem alten Weg über die pharmakologische und klinische Erprobung in die Hand des verordnenden Arztes zu bringen.

Damit ist die pharmazeutische Industrie an einen Ausgangspunkt zurückgeworfen, der friedensmäßige Voraussetzungen erfordert. Sind diese nach der Geldreform gegeben? Leider muß man diese Frage verneinen. Die Entwicklung und Einführung neuer Präparate (und praktisch sind alle nach 1939 entwickelten Präparate in diesem Sinne neu, weil sie noch nicht wieder dem Arzt „in der Feder“ liegen, da die Mehrzahl der Ärzte während des Krieges eingezogen war und daher häufig nur die Kenntnis der aus den Sanitätsparks stammenden Präparate besaß) erfordert Kapital. Dies Kapital ist nicht mehr vorhanden, denn im Gegensatz zu manchen anderen Industrien hat die pharmazeutische Industrie in der Zeit nach der Kapitulation keine neuen oder nennenswerten Reserven bilden können.

Man muß sich hierbei vor Augen halten, daß Arzneimittel zwar nicht bewirtschaftet, aber preisgebunden waren. Sie waren auf dem Preisniveau der Vorkriegszeit gestoppt und lagen zum Teil nach später erfolgten behördlichen Senkungen noch darunter. Läßt man die kriegsbedingten Steigerungen außer Betracht, so ist es auf jeden Fall klar, daß die Entwicklung der Nachkriegszeit zweifellos eine erhebliche Kostenverteuerung mit sich bringen mußte.

Allein schon die Tatsache, daß infolge mangelnder Ernährung, erschwerter Arbeitsverhältnisse usw. die Arbeitsleistung stark zurückgegangen war, machte bei einer besonders arbeitsintensiven Industrie die Auswirkungen auf die Kalkulation verständlich. Dazu kamen nicht nur die, Preiserhöhungen bei Grundstoffen, sondern insbesondere bei den Verpackungsmitteln, wobei häufig auch noch auf graue und schwarze Märkte zurückgegriffen werden mußte, um überhaupt nur die Produktion durchzuhalten. So kam es, daß die früheren Spannen für wissenschaftliche Information und Werbung dadurch aufgezehrt wurden und auch von dieser Seite her die Industrie zu hohen Umsätzen gezwungen wurde (wobei eine neue Kapitalbildung durch eine unsinnige Steuergesetzgebung einfach nicht möglich war). Die Kapital- und Liquiditätsreserve war daher im Durchschnitt nur normal. Sie wurde – wie überall – durch die Geldreform beseitigt.