In Gedanken tief und von besonderer Art, in der Form so rein gelöst wie alle Werke dieses großen deutschen Meisters“ – mit Riesen Worten pries Ludwig Justi jenes Relief, das der Gastrower Meister Ernst Barlach für das Ehrenmal an der runden Alstertreppe in Hamburg geschaffen hatte. 1937 wurde es auf Veranlassung der braunen Machthaber entfernt. Heute, an Barlachs zehntem Todestag, darf man fragen: Wann wird das Erinnerungsmal wiederhergestellt?

Es handelt sich zunächst um eine Wiedergutmachungspflicht. Man würde Ernst Barlach und Fritz Schumacher, Hamburgs großen Baumeister, gleichzeitig damit ehren. Es gebt aber noch um mehr, denn dieses Denkmal ist von besonderer Art, es ist Erinnerungsmal so gut wie Mahnmal. Es ist dies mehr als das andere. Es ruft vernehm- – lich: Nie wieder einen Krieg! Wie gut, daß sich für diesen Warner an einem zentral gelegenen, durch die Rathausnähe betont offiziellen Platz die günstigste Voraussetzung dafür bietet. Die; runde Treppe zum Wasser – bekommt sie nicht erst so ihren feierlichen und nun gar demonstrativen Sinn? – Die besonderen Schwierigkeiten, die bei der Planung des Reliefs zu überwinden waren, nachdem die Ablehnung des ersten Entwurfs den Künstler zu einem Kompromiß verpflichtet hatten, machten ihm die Aufgabe nicht gerade leicht. Ernst Barlach erzählte mir einmal von Schumachers Mitwirkung an der Entstehung des Reliefs, das die gewählte Hoffmannsche Stele verlangte. Er schilderte, wie der – unermüdliche kleine Mann mit dem feinen Gesicht zu ihm gekommen sei, als (um 1930) im vielfältig verwirrten Drängen der Zeit noch so manches in eine gute Richtung zielte. Schumachers Vorschlag, Barlach möge die leere Fläche des schmalen Steins beschreiben, habe ihn nach einigem Zaudern durch das gestellte Thema erwärmt: Mutiges Zusammenraffen aus tiefem Leid. Er habe mehrere Anläufe zur Gestaltung gebracht, viele Skizzen entworfen, wochenlang verändert, geprüft, verworfen. Zwei Pläne hätten endlich Gestalt gewonnen: Von zwei Frauengestalten, die eine, aus der Erstarrung erwachend, das verhüllte Haupt entblößend; die andere, leidgezeichnet, mit Zuversicht ihr verängstigtes Kind tröstend. Diese Darstellung habe ihm am Herzen gelegen. Er habe es Schumacher gesagt und die Antwort erhalten: Ja, nur diese käme in Frage. Schumacher sei es dann gelungen, die Zustimmung der Hamburger Senatsherren zu gewinnen. Und Barlach habe sich ans Werk gemacht und von dem zuerst gedachten erhabenen Relief zum vertieften gefunden. Dies habe er dann, um der Aufgabe ganz vertraut zu werden, erst in Holz geschnitzt, dann in harten Gips geschnitten, in einem Maßstab, fast zu groß für das Atelier und groß genug noch für den trefflichen Bildhauer Friedrich Bursch, der es danach in Hamburg in den Stein gemeißelt habe, siebenundeinenhalben Meter lang. „Es machte sich gut in der Beleuchtung des Nachmittags“, sagte Ernst Barlach, glücklich darüber, daß eine Notlösung die befriedigende Lösung gebracht hatte.

Es wird gesagt, das Relief Barlachs sei nie populär geworden, es fehle die Darstellung des Anteils des Mannes am Kriege, es fehle der „beidische Zug“. Nun, das Bildnis offenbart Heldisches in jeder Kontur des herben Linienzuges, im Gegenständlichen wie im Sinn, allerdings ancers, als es früher üblich war: indem mutig die Wahrheit gezeigt, das Grauen des Krieges nicht überdeckt wird, erwächst in der ungebeugt dastehenden Mutter erst das Heldische zu voller Größe. Und daß-eine Mutter, die Erhaltende, hier als Erleidende and Oberwindende zugleich für alle dasteht – welch ein Symbol! Der „Anteil des Mannes“ ist voll darin, denn auch er wurde von der Frau geboren. Und wenn schon von seinem Kriegsheldentum die Rede sein soll – wofür wohl würde es aufgebracht, wenn nicht für das Wohl der Kinder und Mütter? Und schließlich wurde der „Anteil der Frau“, der nie gefragten, am Kriegserleben in den früheren Denkmälern so gründlich übersehen, daß es endlich an der Zeit sein dürfte, auch darauf bescheiden hinzuweisen – gar heute, nach der Erfindung der totalen Menschenausrottungsmaschine. Paul Schurek