Die prominente englische Tanzgruppe, das ‚,Sadler’s Wells Ballet“, ist in Düsseldorf und Hamburg zu Gast gewesen und enthusiastisch gefeiert worden. Mit Recht! Diese Tänzer verfügen über eine so hohe Virtuosität, daß sie sogar dann noch fasznierend wirken, wenn ihr höheres künstlerisches Wollen sie in Gefilde emporführt, in denen die der Tanzkunst eigene Sinnlichkeit verblaßt und jene kühle Abstraktion beginnt, die an den Intellekt größere Anforderungen stellt als an das einfach genießende Auge. Tanz und Abstraktion? Blutvolles Leben und gedankenschwere Ästhetik? Oft geschieht es, daß Kunst am eindrucksvollsten dort wirkt, wo sie das Wagnis unternimmt, unvereinbare Gegensätze zu vereinen, Feuer und Wasser zu verbinden; doch immer bleibt dieser Kunst etwas Problematisches. Selten hat man auf deutschen Tanzbühnen so stürmisch, nie zugleich so kühl tanzen gesehen. Diesem also seltsam gemischten Stil kamen Strawinskys „Ballettszenen“ (1944) außerordentlich entgegen –: abstrakte, an keinen Inhalt gebundene Tanzformen. Schon dachte, schon hoffte man, daß man an dieseffi Abend auch reines, klassisches Ballett im Sinne der großen russischen Tradition werde sehen können, da doch Ninette de Valois, die Leiterin des „Sadler’s Wells Ballett“, aus der Schule des großen Diaghileff kommt. Aber die Ballettszene „Schachmatt“ nach der enervierenden, manchmal allerdings betont sinfonisch-gewichtig klingenden Musik von Arthur Bliss, jenes Ballett also, mit dem die „Sadler’s Wells“-Künstler auf der Pariser Weltausstellung 1937 einen so rauschenden Erfolg errangen, stellte sich als eine auf Dramatik bedachte Mischung von Ballett-Klassik und modernem Ausdruckstanz vor. Und wenn man auch die klassische Ballett-Kunst bei den Russen schöner, den Ausdruckstanz bei den Deutschen erregender gesehen hat, so war die Dramatik dieser Szene, die sich um die Symbole des Schachspiels drehte, sehr klarlinig, effektstark, bewundernswert.

Die „Dante“-Sonate Liszts, ins Tänzerische übersetzt (Choreographie Frederik Ashton) und als Kampf der „Kinder des Lichts“ und der „Kinder des Dunkels“ gedeutet, ergab eine wildbewegte, grelle Szene, doch klang die Instrumen-– tation, die der bedeutende englische Dirigent Constant Lambert besorgte, allzu dickflüssig, und hier war es auch, wo das Sinfonie-Orchester des NWDR, Hamburg, das den Intentionen des Ballettdirigenten Warwick Braithwaite bis dahin in imponierender Weise gefolet war, weniger musizierte, als sich aus der Affäre zog.

Alles in allem: das Gastspiel des „Sadler“s Wells“-Balletts war ein Anlaß, dankbar zu sein.

J.M.