Das parlamentarische System in England verdankt sein gutes Funktionieren nicht zuletzt dem „Einpeitscher“. In jeder Fraktion gibt es ihn. Seine Aufgabe ist es nicht nur, bei wichtigen Abstimmungen die Abgeordneten zusammenzutrommeln. Ihm fällt es auch zu, widerstrebende Meinungen innerhalb seiner Fraktion unter einen Hut zu bringen, eine einheitliche Linie für wichtige Debatten herauszuarbeiten und gegebenenfalls einen Fraktionszwang zu verkünden.

Mr. Hoffman. der ERP-Verwalter, entwickelt sich mehr und mehr zum Einpeitscher der europäischen Marshall-Plan-Staaten, zum wohlwollenden Fraktionsvater der Partei Westeuropa. Im September versuchte er auf der Pariser Sitzung der Empfängerländer, den Willen zur europäischen Wirtschaftseinheit unter Verzicht auf einzelstaatliche Konkurrenzgefühle herauszukitzeln. In der vergangenen Woche stattete er den Außenministern Schuman und Bevin einen fliegenden Besuch ab, um die Entscheidung über die Einschränkung der Demontage in Deutschland zugunsten einer gesteigerten Gesamtproduktion in Westeuropa zu beschleunigen. Hoffman scheint mit dem Erfolg seiner Aktion zufrieden zu sein. Nach Washington zurückgekehrt berichtete er, England, und Frankreich hätten sich bereiterklärt, das Demontagetempo zu verlangsamen und zwar bis zum Abschluß einer neuen Überprüfung der auf der Demontageliste stehenden westdeutschen Anlagen durch die Marshall-Plan-Verwaltung. Ein ERP-Ausschuß aus amerikanischen Industriellen und Technikern solle diese neue Überprüfung vornehmen. Britische und französische Sachverständige dürften mit dieser Kommission zusammenarbeiten. Sehr zu hoffen wäre, daß für die sachliche Beurteilung der Anlagen in ihrer Bedeutung für die deutsche Produktionsleistung auch deutsche Sachverständige herangezogen würden. Für die Überprüfung und die zu machenden Vorschläge soll ausschlaggebend sein, ob das Verbleiben deutscher Anlagen in Deutschland am besten dem Wiederaufbau Europas dient.

– Der Tonfall der diesmal vom Einpeitscher angesprochenen Fraktionsmitglieder, England und Frankreich, ist noch etwas mehr auf Moll gestimmt als die optimistische Äußerung von Mr. Hoffman in Washington. Man bezeichnet weiteren Meinungsaustausch zwischen London und Paris als notwendig. Man wiederholt, auch, daß doch der zweite Industrieplan für die Doppelzone eine ausreichende Friedensproduktion zusichere, Man verweist darauf, daß die Pläne der Länder gestört werden könnten, die sich bereits auf den Empfang von demontierten Werken aus Deutschland eingerichtet hätten. Man spricht sogar die Befürchtung aus, daß der Verbleib gewisser Werke in Deutschland dazu führen könne, den Kohlenverbrauch in Deutschland zu steigern und damit die-deutschen Kohlenexporte in Frage zu stellen. – –

Immerhin heißt es in Meldungen aus Washington, die Beratung der Hoffman-Anregungen in den europäischen Kabinettszimmern habe die Zustimmung zur sofortigen Demontageunterbrechung bei 126 Werken erbracht. Die Aufnahme oder Fortsetzung der Demontage würde es in diesen Fällen später unmöglich machen, die Werke in Deutschland für Europa weiter; arbeiten zu lassen. Bei 457 weiteren Werken – soll „langsamer“ demontiert werden, solange die Sachverständigen prüfen.

Es ist unverkennbar, daß die öffentliche Meinung in England und Frankreich in zunehmendem Umfang sich den sachlichen Gesichtspunkten zugänglich zeigt, die der jetzt hoffentlich beginnenden Verlangsamung der Demontage zugrunde liegen. „Keine Zukunft für Demontage“ schreibt der „Economist“, nennt den revidienten Industrieplan für Westdeutschland einen „vollständigen Versager“ und meint zu den deutschen Einwänden über den Zeitverlust bei Demontage und Remontage, daß sich dagegen vor allem auch im Gebiete der Schwerindustrie nichts sagen lasse. Das Blatt geht noch weiter: „Unter diesen Umständen ist es für die Deutschen aufreizend, zu sehen, wie die Engländer jetzt Entschlossenheit an den Tag legen und die Aufgabe der Demontage mit einer bisher nicht gekannten Energie anpacken.“ Vielleicht sei die Beschleunigung der Demontage ein Zufall; vielleicht hänge sie mit der Währungsreform und dem verbesserten Arbeiterangebot zusammen. Aber die Beunruhigung der Arbeiterschaft „am Vorabend einer neuen Regelung“ wächst, wie der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Dr. Böckler, soeben zum Fortgang der Demontagen bemerkte. Er meinte, man könne es keinem Arbeiter zumuten, seinen eigenen Arbeitsplatz zu zerstören, und man dürfe sich nicht einmal wundern, wenn der Arbeiter die Beseitigung seiner Arbeitsstätte durch andere zu verhindern suche.

Gewiß erfordert die Überprüfung der Demontage viel Sorgfalt, viel Zeit. Aber die Beschleunigung der Demontage während dieser Überprüfung ist, mit dem „Economist“ zu sprechen, „aufreizend“. Nehmen wir das Beispiel der Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn. Das englische Blatt stellt fest, in Frankfurt sei es ziemlich allgemein bekannt, daß, wenn einmal die Engländer im Prinzip der Demontage-Revision zugestimmt hätten, die Thyssen-Hütte eines, der ersten Objekte sein werde, das von der Liste abzusetzen sei. Gerade dort hätten jedoch in den letzten drei Monaten die Demontagearbeiten begonnen. Rund 3000 t Maschinen seien bereits von ihren Fundamenten gelöst und in einem leeren Gebäude zusammengestellt. „Was ist der Grund dafür – reine Begeisterung?“, fragt der „Economist“ und fügt hinzu, daß die Thyssen-Hütte noch nicht einmal von der Brüsseler Reparationsagentur fest zugeteilt sei. Und gerade bei Thyssen wird von britischen Demontagedienststellen Unzufriedenheit über den langsamen Fortgang der Demontagearbeiten bekundet und ein „Anreiz“ zum beschleunigten Abbau dadurch geschaffen, daß diese Arbeiten nunmehr in Festlohn, statt wie bisher in Zeitlohn, vergeben werden. Ein anderes Beispiel Die Niederrheinische Hütte Duisburg erhielt in Tagen Demontagebefehl für das Grobblech-Walzwerk und befürchtet eine gleiche Anweisung für das SM-Stahlwerk!

Gerade in diesen Fällen wird der neue Kurs, der jetzt auf das Drängen des Einpeitschers gesteuert werden soll, viel zur Beruhigung im Ruhrgebiet beitragen können, die Westeuropa nur dienlich sein kann. eg.