Der alte Juwelier erzählte: ...Da wir schon über die Not der Zeit sprechen! Gewiß, es besteht eine Wechselbeziehung zwischen der jetzigen und der Zeit nach dem ersten Krieg, als dieInflation über Deutschland herfiel. Aber die Menschen, welche die Folgen des zweiten Krieges durchzustehen haben, sind andere als jene. Wenn es Sie interessiert, erzähle ich eine Geschichte zum Beweis dafür, eine Doppelgeschichte, eine wahre Geschichte:

wir Juweliere sitzen immer nah an der Zeit, weil wir an der Peripherie des Tanzes um das Goldene Kalb unseren Beruf ausüben. Und es gab noch keinen Krieg, der nicht zu diesem Tanz aufgespielt hätte. Damals also herrschte die Inflation, und eines Tages hieß es, eine Dame wünsche mich im Kontor zu sprechen. Die Schlichtheit ihrer Kleidung entsprach der Sitte in den guten Familien Hamburgs. Ihr Kostüm war von feinstem Tuch, wies aber Spuren der Abgetragenheit auf, und da die Besucherin noch obendrein einen auffallend dichten Schleier trug, konnte ich leicht voraussehen, was nun kam.

„Sind wir allein?“ fragte sie in einem Kommandoton, der mich befremdete. Kurz angebunden lehnte sie ab, Platz zu nehmen. Ihre hochmütige Haltung machte mich zunächst irre.

„Womit kann ich dienen?“ fragte ich schließlich.

„Sind Sie in der Lage, an einem Ring einen Stein durch einen andern zu ersetzen?“ fragte sie sehr von oben herab. Es klang so, als widerstrebte es ihr, mit mir zu sprechen. Ich fühlte mich zu einer Zurechtweisung gereizt.

„Meine Gnädigste“, antwortete ich, „damit hätten Sie sich auch vertrauensvoll an einen meiner Angestellten wenden können – wenn das Ihr einziges Anliegen ist!“

„Ich komme nicht etwa betteln!“ fuhr sie auf. „Nein, soweit ist es nicht!“