Von Josef Marein

In einem Hamburger Krankenhaus ist Alfred Kerr im Alter von 80 Jahren am 12. Oktober gestorben.

Daß im „Dritten Reich“ auf Alfred Kerr geschimpft wurde, ist nicht verwunderlich

nicht nur, daß er Jude war, noch schlimmer: er war ein Kritiker. Er war der größte Kritiker nach Fontane und Lessing, den die deutsche Literatur kennt. Lessing – sehen wir ihn hier nur einmal als den Theaterfachmann an – war der größere Theoretiker, und Fontane, als er für die „Vossische Zeitung“ seine Rezensionen schrieb, zeigte ein wärmeres Herz, er war ein sorgsamer Gärtner. Kerr schlug zu. Er hatte Giftpfeile in seinem – Köcher, die tödlich wirkten. Seine Feinde standen dabei (zumindest schmunzelten sie über die Nachricht davon), als Kerrs Bücher in jenem üblen Mai 1933 verbrannt wurden, wo der „Feuerspruch“ fiel: „Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, zur Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes!“ Damals war Kerr gerade nach Paris gegangen, wohl wissend, daß er entsetzlich viele Feinde hatte. Aber eines hätten auch seine schlimmsten Feinde ihm lassen müssen –: Kerrs Kritik, selbst ein bissigster „Verriß“, war immer aus der herrlichen, furchtlosen Sphäre des Objektiven gekommen, immer aus der Suche nach Wahrheit.

So oft hatte man versucht, diesen „Theaterpapst“ Berlins zu stürzen, der es vermochte, mit einer einzigen Zeile – veröffentlicht im „Tag“ und später im „Berliner Tageblatt“, das lange Zeit „seine“ Zeitung war – Karrieren zu vernichten. Aber immer blieb Kerr der Unantastbare, Und als die Gewalt ihn vertrieb, als mancher Theatermann aufatmete, froh, den strengen Richter losgeworden zu sein, da zeigte sich bald danach, wie sehr Kerrs nervöser Zuspruch und die Peitsche seines Witzes dem Theaterleben fehlten. Ehe Goebbels die Kritik schließlich kurzerhand verbot, hatten manche versucht, die Rolle Kerrs zu übernehmen. Es gelangen ihnen ein paar müde Plagiate. Der Kerrsche Mut, der Kerrsche Stil wirkten noch ein wenig nach. Als diese Nachwirkung dann auch erlosch, war aus Berlin, der interessantesten Theaterstadt der Welt, die langweiligste geworden, in der man zwar noch platte Monstreaufführungen und gelegentlich virtuose Regietaten sah, aber nichts mehr spürte von jener elektrisch geladenen Atmosphäre, die das Theater manchmal zum höheren Inbegriff des Lebens macht. Vordem, wenn auf der Bühne ein Blitz zündete – bei Kerr drunten im Parkett schlug er ein. Dessen konnten die Schauspieler und das Publikum sicher sein. Er sprühte Funken zurück, er war das empfindlichste Echo. Solange Kerr in Berlin war, da war im Grunde kein Zweifel, daß ein lebendiges Theater nicht ohne lebendige Kritik möglich sei. Man hatte Kerr vorgeworfen, er habe die Kritik verabsolutiert; als er ging, verlor das Theater seine absolute Macht. Es war ein großer Schaden, daß Kerr fliehen mußte. Er war ein fast ebenso großer Schaden, daß er, als der Spuk vorüber war, nicht helfen konnte, dem neuen deutschen Theaterleben anregenden Atem zu spenden.

O man hätte es ihm auch diesmal nicht leicht gemacht! Man hätte ihm aufs neue geflucht, Aber bei solch einem Kritiker hätte man auf die Dauer doch schließlich keinen anderen Ausweg gewußt als den, einen lebendigen Spielplan zu machen und gut Theater zu spielen. Manche zwar sagen, die Zeit der Theaterkritik sei vorbei, man habe sie früher für allzu wichtig genommen. Stimmt des, so wäre es richtig zu sagen: dann sei auch die Zeit des Theaters vorbei und man dürfe das Theater nicht für besonders wichtig nehmen. Der Publizist Peter de Mendelssohn und der Intendant Gustaf Gründgens haben dies tatsächlich schon gesagt. Was mag Alfred Kerr davon gehalten haben, Kerr, dem meisterhafte Gedichte, schöne Reisebücher gelangen und dem doch das Theater am wichtigsten war?

Kerr hätte eine Eigenschaft, die heute – Sich heute – selten anzutreffen ist: er bemühte sich, klar zu denken und exakt zu formulieren. (Wenn er hierin auch manchmal übertrieb, so wurde er darin doch von niemandem übertroffen; so;ar seine Irrtümer, seine sehr seltenen Irrtümer, entstanden – so seltsam dies klingt – aus seiner Klarsichtigkeit und seinem Wunsch nach knapper Aussage; und noch wenn er irrte, war er meisterlich.) Er haßte alles Nebulose, er liebte die inscharfen Konturen nicht, und Geschwätzigkeit, vor allem romantisierende Geschwätzigkeit, machte ihn schaudern. Alles dies deutet bestimmte Charakterzüge an. Ja, dieser Mann, den alle Gegensätzlichkeiten dieses Daseins ebenso amüsierten wie geheimnisvoll anzogen, er, der unterm bürgerlichen Namen Kempner zu Breslau Gebürtige, dieser funkelnde, spöttische Geist, dieser auf Sachlichkeit bedachte Ästhet und nebenbei Lebemann, der so abgründig arrogant sein konnte, er war – getraut man sich, es zu sagen? – eine vollendete Kreuzung zwischen einem Weltbürger und einem – Preußen.