Übers Wochenende haben die drei nordischen Verteidigungsminister auf ihrem Treffen in Oslo eine skandinavische Verteidigungskommission ins Leben gerufen, deren drei militärische und zwölf politische Spezialisten die Aufgabe haben, so rasch wie möglich die Voraussetzungen einer gemeinsamen Verteidigung zu klären. Die britische Zeitung The People hat aus der Nachricht über diese Konferenz eine Sensation gemacht und behauptet, daß Rußland den Schweden mitgeteilt habe, es werde, falls die Schweden ihren Flirt mit der Westunion nicht unterließen, die Dinge in Finnland straffer anpacken und auf diese Weise Schwedens Hintertür verriegeln. Die Information der britischen Zeitung wurde von skandinavischer Seite-als unzutreffend zurückgewiesen. Dennoch charakterisiert sie in nahezu klassischer Weise, die beständige Furcht vor diploklassischer Zuspitzungen, in der man in Schweden tatsächlich schwebt. – Zaudern ist in Stockholm. Trumpf.

Als in Paris Außenminister Marshall Gelegenheit nahm, sich mit den drei nordischen Außenministern unter vier Augen zu besprechen, wurde dies sofort zum Titelseiten-Schlager der skandinavischen Presse. Dem schwedischen Außenminister Undén gegenüber äußerte der General unverblümt, daß es den Begriff der Neutralität nicht mehr gäbe. Amerika, sehe es am liebsten, wenn sich die drei nordischen Länder der Westunion anschließen würden. Die Pariser Zeitung Franc-Tireurs wußte darüber hinaus zu berichten, daß Marshall Dänemark und Norwegen für den Fall eines Beitritts zur Westunion die ausdrückliche Garantie einer amerikanischen Hilfe gegeben habe. So sah sich der Pariser Korrespondent des halboffiziellen dänischen Ritzau-Büros veranlaßt, bei den in Paris weilenden nordischen Staatsmännern und Politikern eine Umfrage zu halten. Ihre Antworten faßte er, wie folgt, zusammen: „Die Frage des Anschlusses an eine eventuelle regionale Konstruktion innerhalb des Rahmens der Vereinigten Nationen geht über die Verhandlungen hinaus, die augenblicklich zwischen den drei skandinavischen Ländern gepflegt werden und die zum – Ziele haben, erst alle Wege zu erproben, ehe man seine endgültigen Beschlüsse faßt. Eine Erweiterungder Westunion auf Skandinavien liegt noch im Ungewissen und ist gegenwärtig keineswegs aktuell.“

In letzter Zeit hat sich dennoch der Eindruck mehr und mehr vertieft, daß sich die bisherige internordische Neutralitätspolitik, an einem Scheidewege befindet. Selbst in Schweden erschienen zwei neue Bücher zu dieser Frage: im ersten zeichnet der Verfasser Givreholt die sehr gefährdete Position des Nordens im Lichte der modernen Weltstrategie, im zweiten setzt sich der schwedische Generalmajor von der Lancken mit der Frage auseinander, welche Möglichkeiten der Norden überhaupt hat, um sich im Falle eines Weltkonfliktesfür die Bewahrung seiner Neu- – tralität wehrhaft einsetzen zu können. Schweden hätte seine langgestreckte – Ostseeküste zu behüten, Dänemark die Sunde, Belte und außerdem die Färöer und Grönland, Norwegen schließlich seine lange Atlantikküste und Spitzbergen.

Für seine eigenen Aufgaben hat Schweden zur Not eine einigermaßen ausreichende maritime ausreichende Aber für Norwegen und Dänemark, die auf diesem Gebiet so gut wie nichts aufzuweisen haben, reicht das schwedische Potential nicht aus. Für die Frage der Luftverteidigung ergibt sich ein ähnliches Bild. Dieses erklärt das Zögern der schwedischen Militärs, wenn bezüglich der Verteidigung einer gemeinsam proklamierten Bordischen Neutralität Entscheidungen getroffen werden sollen. Sie hegen Argwohn, daß sich die Dänen und Norweger ihre Aufgaben auf Kosten des größeren Bruders etwas leichter machen wollen, und fordern deshalb einen raschen und effektiven Ausbau der dänischen und norwegischen Luftverteidigung. Die norwegische Wirtschaft aber braucht eine Milliarde pro Jahr, um wieder auf ihren Stand von 1938 zu kommen. Und in Dänemark zieht und zerrt die Verteidigungskommission an den 242 Millionen Kronen, die der Staat aus „einem Budget für militärische Aufgaben abgezweigt hat. Aus eigener Kraft werden beide Länder also schwerlich das Kapital aufbringen können, um sich mit den sehr teuer gewordenen Waffen, die sie brauchen, zu versehen.

Dem Durchschnitts-Nordländer erscheinen alle diese militärischen Gedanken unheimlich. Mit einem leichten Erschauern liest er in seiner Presse, daß die Amerikaner offen von einer bevorstehenden Einbeziehung Norwegens und Dänemarks in die Atlantik-Union und von Grönland, Island und Spitzbergen als künftigen Arktis-Basen sprechen.Die Meldung von den bevorstehenden November-Manövern der Amerikaner zwischen Grönland und Labrador, an denen 65 Kriegsschiffe, 30 Lufteskadrillen und 31 000 Mann teilnehmen, wirkte auf die dänische Öffentlichkeit wie ein kräftiges Kolorit unangenehmer Vermutungen.

Es liegt etwas Unweigerliches In der Luft, dem man gegenwärtig im Norden in einer Mischung von Widerwillen und Vernunft, Resignation und Ermannung, Zweifel und Hoffnung nachtastet, Womöglich befindet man sich bereits inmitten einer Wende von historischer Tragweite und läßt lediglich die Tatsachen der Erkenntnis vorauseilen. –tz.