Von Gotthold Rhode

In den Abendstunden des 24. Oktober 1648 nach neuem Stil – in den meisten protestantischen Ländern, die noch den Julianischen Kalender benutzten, schrieb man erst den 14. Oktober – zeigten Böllerschüsse den Bürgern der westfälischen Stadt Münster ein langerwartetes historisches Ereignis von großer Tragweite an: Die Friedensverträge von Osnabrück und Münster waren soeben von den Gesandten des Römischen Kaisers Ferdinand III., des Königs von Frankreich, der Königin von Schweden und fast aller bedeutenden Reichsstände unterzeichnet worden. Der folgende Tag, ein Sonntag, brachte nach Dankgottesdiensten aller drei Konfessionen die feierliche Verkündigung des Friedens und der wichtigsten Vertragsbestimmungen durch die Stadtsekretäre der beiden Kongreßstädte. Zu gleicher Zeit wurden Kuriere in den Armeeführern abgesandt; sie sollten die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten veranlassen, in denen die schwedischen Truppen mit der Erstürmung der Kleinseite von Prag noch kurz vorher einen letzten Erfolg errungen hatten.

Damit fand der große Krieg seinen Abschluß, der 1618 als eine Auseinandersetzung zwischen dem Hause Habsburg und den böhmischen Ständen begonnen hatte, durch das Eingreifen fast aller Mächte bald europäisches Ausmaß annahm und in der Erinnerung des deutschen Volkes als einzigartige nationale Katastrophe fortlebt. Wenn wir Heutigen, die wir in mancher Hinsicht in gleicher Lage zu sein scheinen wie die Deutschen am Ausgang des Dreißigjährigen Krieges, dieses Ereignis betrachten, steht wohl zunächst die Tatsache des Friedensschlusses nach jahrzehntelangem Kämpfen und fast fünfjährigen Verhandlungen auf dem ersten großen europäischen Gesandtenkongreß im Vordergrund. Daneben dürfen wir aber die anderen Gesichtspunkte nicht vergessen: der Westfälische Friede bedeutet zugleich den Abschluß des mit Luthers Thesenanschlag beginnenden konfessionellen Zeitalters, er kennzeichnet den Übergang der politischen Vorherrschaft in Europa von Spanien an Frankreich – der freilich erst elf Jahre später im Pyrenäenfrieden endgültig wurde – und er sanktioniert schließlich die vollständige Umwandlung des Heiligen Römischen Reiches in jenes staatsrechtlich einzig dastehende „Monstrum“ Samuel von Pufendorfs, für das die beiden Verträge anderthalb Jahrhunderte lang verfassungsähnliche Staatsgrundgesetze darstellten.

Der Westfälische Friede war nicht der erste Friedensschluß in den blutigen dreißig Jahren; 1629 in Lübeck und 1635 in Prag war bereits versucht worden, dem Kampf ein Ende zu machen. Beide Friedensschlüsse standen jedoch im Zeichen des unbedingten Übergewichts des Hauses – Habsburg und ließen die baldige völlige Niederwerfung der protestantischen Fürsten befürchten. So konnten sie auch nicht eine allgemeine Befriedung Mitteleuropas herbeiführen, sondern riefen im Gegenteil neue Gegner auf den Plan: Im Sommer 1630 landete Gustav Adolf in Deutschland, und noch kurz vor dem offiziellen Abschluß des Prager Friedens ging Frankreich von der bisherigen mittelbaren Kriegführung zur unmittelbaren über.

Als dagegen nach vielem Hut und Her im Jahre 1644 die Verhandlungen endlich in Gang. kamen, war die wichtigste Voraussetzung für einen dauerhaften Vergleichsfrieden gegeben: alle Parteien waren in hohem Maße erschöpft und kriegsmüde, keine konnte mehr mit einem vollständigen State rechnen. Wenn das gequälte Volk trotzdem noch jahrelang auf den Frieden warten mußte, so hatte das mehrere Gründe. Einmal versuchten alle Beteiligten noch möglichst viele Vorteile zu erringen, wobei das wechselnde Kriegsglück mehr zur Verlangsamung als zur Beschleunigung der Verhandlungen beitrug. Dann war durch den universalen Charakter des Friedenskongresses, auf dem mit Ausnahme Englands und der osteuropäischen Staaten sämtliche Länder Europas durch ingesamt hundertachtundvierzig Gesandte vertreten waren, eine besonders große Anzahl schwieriger Probleme zu lösen und schließlich wirkten sich der Konfessionshaß, die ängstliche Wahrung des Prestiges und die schwerfällig gespreizte Etikette des Barock besonders hemmend aus. So war es nötig, daß Franzosen und Schweden, Katholiken und Protestanten nicht am gleichen Ort, sondern vierundfünfzig Kilometer voneinander entfernt tagten, obwohl der Kongreß staatsrechtlich als einer gelten sollte; so gab es monatelange Auseinandersetzungen über die Anwendung der Titulatur in den Beglaubigungsschreiben und die Formen bei ihrer Überreichung. Wenn wir weiter bedenken. daß die Verhandlungen überwiegend schriftlich mit Hilfe neutraler Vermittler – zum Beispiel des Nuntius Chigi und des venezianischen Gesandten Contarini – geführt wurden, daß die Beantwortung jeder Rückfrage Wochen in Anspruch nahm, werden wir die lange Dauer der Verhandlungen mit mehr Nachsicht beurteilen, als es manche Geschichtsschreiber der letzten Zeit getan haben.

Vier große Fragenkomplexe bezeichnen die Hauptaufgaben des Kongresses: Die Herbeiführung eines dauerhaften Religionsfriedens im Reich; die Regelung der Rechtsverhältnisse der Reichsstände, wobei Einzelfragen, wie die Wiederherstellung der Pfalz, noch eine besondere Rolle spielten; die Befriedigung der Ansprüche Schwedens an Kaiser und Reich; der Ausgleich des Gegensatzes Habsburg–Frankreich bei gleichzeitiger Befriedigung der französischen Ansprüche. Die beiden anderen Fragenkomplexe: Der spanisch-französische und der spanisch-niederländische Ausgleich treten dagegen in unserem Zusammenhang zurück; der erste kam nicht zustande, während der zweite Gegenstand eines dank der Tüchtigkeit der niederländischen Gesandten schon am 30. Januar 1648 unterzeichneten Sonderfriedens war.

Naturgemäß gelang es nur sehr allmählich, die scharfen Gegensätze auf allen vier Gebieten auszugleichen; am schwierigsten war es beim ersten und vierten Punkt. Dort widersetzten sich die katholischen Eiferer, die sogenannten „Extremisten“, hartnäckig jeder Amnestie und Gleichberechtigung für die Protestanten, die sie in zahlreichen Flugschriften bekämpften, bis sie den staatsklügeren Kompromißlern, unter denen sich übrigens auch mehrere Jesuiten befanden, weichen mußten; hier stießen die weitgehenden Forderungen der Franzosen, die in keinem rechten Verhältnis zu ihren militärischen Erfolgen standen, auf den erbitterten Widerstand der Vertreter Habsburgs und einiger Reichsstände, während der mit Habsburg verbündete Herzog von Bayern die französischen Ansprüche mit allen Kräften unterstützte. Bei der Behandlung der schwedischen Ansprüche war die für die Entlassung der schwedischen Armee als Kriegsentschädigung aufzubringende Summe der schwierigste Punkt; die schwedischen Ansprüche auf ganz Pommern dagegen brachten nur das dadurch geschädigte Brandenburg zu erhöhter Aktivität.