Müller, sprechen zur Welt“

Der Friede der Welt hängt nicht so sehr von Verträgen und Bündnissen ab als vielmehr Von einem allgemeinen Gesinnungswechsel, der Verträgen und Bündnissen erst wieder Glaubwürdigkeit, Unverbrüchlichkeit und Festigkeit geben könnte. Eine Umkehr der Mehrzahl aller verantwortlichen Menschen zu den Grundsätzen der Toleranz, der Güte und der Gerechtigkeit müßte vollzogen sein, bevor alle denkbaren, organisatorischen Mittel zur Sicherung einer friedlichen Zukunft Vertrauen genießen und wirksam werden könnten. Es liegt nahe, daß in den Bemühungen, einen solchen Gesinnungswechsel herbeizuführen, denStimmen der Frauen und Mütter besonderes Gewicht zukommt. Aus dieser Erwägung verlangt ein Buch, das demnächst erscheinen wird, die weiteste Anteilnahme. Unter dem Titel „Mütter sprechen zur Welt“ hat Barbara Lüdecke unter Mitarbeit von Hedwig Rohde hier Beiträge von Frauen aller Nationen gesammelt, deren Stimmen sich zu einem bedeutsamen Appell für den Frieden vereinigen. Politikerinnen, Dichterinnen und einfache Mütter kommen da zu Wort und werben für eine höhere Geltung der internationalen „Sprache des Herzens“. Zu den Autoren des Buches zählen unter vielen andern: Dorothy Thompson (die Gründerin der amerikanischen World Organisation of Mothers of All Nations „Woman“), Dr. Edith Summerskill, Clara Ragaz, Karin Michaelis, Sigrid Undset, Eleanor Roosevelt, Alexandra Kolontay, Elisabeth Langgässer, Ricarda Huch und Thyde Monnier. Wir bringen hier drei Abschnitte aus dem Buch zum Vorabdruck,

Liebet eure Feinde

Von Dorothy F. Buxton, England

Dorothy F. Buxton, deren Arbeitsgebiet durch die Buchtitel „Die Welt nach dem Kriege“, „Das Christentum vor Gericht“ und „Die wirtschaftliche Seite des Flüchtlingsproblems“ charakterisiert ist, hat sich vor allem dem Studium internationaler Sozialprobleme gewidmet. Die Verhältnisse Sowjetrußlands erforschte sie ebenso gründlich und objektiv wie diejenigen Nazideutschlands, Für die politischen Flüchtlinge in England setzte sie sich tatkräfig ein. Aber auch die Not Deutschlands nach der Kapitulation veranlaßte sie zur Stellungnahme.

Ich schreibe in einer Zeit, in der für Millionen von Müttern die gegenwärtigen Lebensbedingungen und die Zukunftsaussichten ihrer Kinder entsetzlich trübe erscheinen. Verwüstung, Hunger, Krankheit, Furcht und Verzweiflung in weitestem Sinne. Die Welt hat zwar schon früher solche Zeiten des Schreckens gekannt, aber sie fielen in primitivere Stadien der menschlichen Entwicklung.

Ich denke an die unzähligen deutschen Mütter, für die das Leben ein einziger langer Kampf geworden ist – ein Kampf darum, die primitivsten Notwendigkeiten für das Leben ihrer Kinder zu schaffen – und das Wunder daran ist, daß es ihnen durch ihre Hingabe und ihre Erfindungskraft tatsächlich oft zu gelingen scheint! Ich denke an die Familien, die in einen einzigen Raum zusammengepfercht sind, wo schon das Fristen des physischen Lebens fast unmöglich ist; und ich frage mich, wie es dann um das moralische und geistige Leben bestellt sein kann – ist ein solches überhaupt möglich? Ich denke mit Scham und Entsetzen an den Bericht eines deutschen Gemeinde-Wohlfahrtsamtes: „Die werdenden Mütter sind voller Angst und Verzweiflung, wenn sie an ihre Niederkunft denken.“ Keine Säuglingskleidung ist zu haben, die Läden sind leer, es gibt nicht einmal eine einfache Windel; die Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsämter sind machtlos. „Man kann die Situation schlechtweg mit Kindesmord bezeichnen.“