Seit die VfW angekündigt hatte, sie wolle, um auf dem Textilgebiet einen Preisdruck auszuüben, die Einfuhr fertiger Spinnstoffwaren fördern, tauchten mehrfach Stellungnahmen zu diesem Thema auf. Dr. Erhard hatte in einer Rundfunkrede in München nach einer recht scharfen Kritik an gewissen überhöhten Textilpreisen ausgeführt, man könne auch außerhalb der Zwangsbewirtschaftung „die Anwendung wirtschaftlicher Grundsätze erzwingen, zum Beispiel durch den Import von Fertigwaren“; und das Wirtschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen wurde noch deutlicher und gab Mitte August bekannt, „in allernächster Zeit“ seien „infolge vermehrter Fertigwaren-Einfuhren, insbesondere an Textilien und Lederwaren, wesentliche Preisherabsetzungen zu erwarten“.

Wer sich das Bild unseres noch recht dürftigen Außenhandels vor Augen hält, muß besonders der zuletzt wiedergegebenen Ankündigung gegenüber skeptisch bleiben. Eine verarmte, schwer belastete und gerade in der Gestaltung ihrer Außenhandelsbeziehungen so abhängige Volkswirtschaft wie die unsere kann unmöglich die Devisen aufbringen, um einen Fertigwaren-Import größeren Umfangs zu bezahlen; und wer von dem bitteren Mangel an Rohstoffen weiß, der heute und leider auch noch in der nächsten Zeit die Hauptsorge der Textilindustrie ausmacht, wird auch der Auffassung sein, daß wir alle verfügbaren Devisen dringend für die Einfuhr unverarbeiteter Textilfaser brauchen, weshalb also eine Drosselung dieser Rohstoffzufuhr zugunsten des Imports von Fertigwaren kaum zu verantworten wäre.

Nun hat die VfW bekanntgegeben, was auf dem Textilgebiet für das letzte Vierteljahr 1948 an Einfuhren von Fertigwaren und Halbfabrikaten zu erwarten ist. Dabei handelt es sich um den Import auf Grund von Verträgen mit Gegenlieferungen, so daß die für die Rohstoffeinfuhr vorhandenen Devisen davon nicht berührt werden. Aus Belgien sollen uns Bergarbeiterkleidung, Bettwäsche und fertige Textilien im Wert von 420 000 aus England Fertigkleidung für 6 Mill. $. aus Holland ebensolche für 700 000 $ und aus der Schweiz Leibwäsche und Fertigkleidung für 100 000 $ geliefert werden. Insgesamt also Fertigware für 7,22 Mill. $ oder rund 25 Mill. DM, wenn man den Kurs von 30 Cents zugrunde legt. Man gewinnt von der Bedeutung dieser Menge (in der die starke Quote Englands beachtlich ist) am besten ein Bild, wenn man sie mit den Werten der Textilpunktkarte vergleicht. Man schätzt den Wert eines Textilpunktes auf 80 bis 90 Pfennig; die Fertigwareneinfuhr würde also den Gegenwert von rund 30 Mill. Punkten darstellen; bei 46 Mill. Einwohnern in den drei Zonen würde demnach auf den Kopf durch diesen Fertigwarenimport eine zusätzliche „Versorgung“ von 0,65 Punkten entfallen.

Im ganzen lassen die Angaben erkennen, daß es sich, von England abgesehen, um Einfuhren handelt, bei denen Fertigwaren keineswegs die Hauptrolle spielen. Gegen den Import von Garnen aber wird man nicht das geringste einwenden können; sie sind uns sehr willkommen, da die Kapazität der Spinnereien mit der der Garnverarbeitung im Wirtschaftsgebiet nicht Schritt zu halten vermag.

Damit bleibt freilich auch die Hoffnung unerfüllt, daß von diesen Importen her ein Preisdruck erzeugt werden könnte. Um eine solche Wirkung zu erzielen, müßten ganz andere Mengen eingeführt werden. Zum Vergleich seien einige Zahlen aus dem Produktionsprogramm für Standard-Textilien (sie sollen die Bezeichnung P K, „Preiswerte Kleidung“, erhalten) angeführt, mit dem man unsere Textilnot nach dem Vorbild der englischen Utility Goods“ von einer anderen Seite her etwas zu lindern hoffe Im Rahmen dieses Programms sollen im Monat angefertigt werden: je 250 000 Arbeitsanzüge und -hosen, 500 000 Hemden mit Kragen, 100 000 Straßenanzüge, 50 000 Damen- und 100 000 Kindermäntel, 250 000 Damenwäsche-Garnituren und je 500 000 m Schürzenstoffe und Weißwaren. Diese Waren repräsentieren, roh nach dem „Preisspiegel“ berechnet, insgesamt einen Wert von etwa 57 Mill. DM, entsprechen also einem Punktwert von 67 Mill. Das heißt eine Monatsproduktion des Programms – das natürlich nur einen Teil, wie man hört, etwa 40 bis 50 v. H. der Gesamtproduktion darstellt – ist mehr als doppelt so umfangreich wie die Fertigwareneinfuhr eines Vierteljahres.

Die Tatsachen stehen also mit der zitierten Ankündigung des Wirtschaftsministeriums Nordrhein-Westfalen arg in Widerspruch. Das ist vom Standpunkt des Verbrauchers aus zweifellos, zu bedauern; denn in seinem Interesse, wäre jede Möglichkeit, seinen Textilbedarf wenigstens zu einem Teil zu befriedigen, nur zu begrüßen. Was aber auf Grund der Verträge eingeführt werden kann, trägt kaum wesentlich dazu bei. Eine Erweiterung des Fertigwaren-Imports auf Kosten des Rohstoffbezugs aber wäre – abgesehen davon, daß wir auf diesem Gebiet nicht nach eigenem Gutdünken verfahren können –, wie gesagt, kaum zu verantworten, denn wir erhalten für denselben Devisenbetrag, der z. B. für eine bestimmte Menge Fertigkleidung aufzuwenden wäre, das Drei- bis Vierfache an Rohstoffen.

Die 46 Mill. Einwohner der drei Westzonen haben einen durch Kaufkraft gedeckten Textilbedarf von mindestens 45 000 t jährlich. Tatsäch-– lich ist dieser Bedarf, der in neun Jahren durch Verschleiß, Kriegsverluste und nicht zuletzt durch die als Hamstertauschware aufs Land gebrachten Spinnstoffwaren weit über das Normale angewachsen ist, noch viel größer. Auf der anderen Seite steht eine Kapazität der Textilindustrie, die man. auf 340 000 bis 350 000 t einschätzen darf. Die Rohstoffzufuhr aber wird, selbst wenn alle auf die ERP-Lieferungen gesetzten Hoffnungen in Erfüllung gehen, auch im nächsten Jahr unter 300 000 t bleiben. Das Defizit an Textilien von über 150 000 t durch Fertigwaren-Importe wesentlich zu verringern, ist nach Lage der Dinge unmöglich, und auch die Preise werden von dieser Seite her kaum beeinflußt werden können, zumal, wie man hört, die Einfuhrware keineswegs besonders preisgünstig ist. Der einzige Weg, den Textilhunger allmählich zu stillen – Steigerung der Erzeugung durch Vermehrung der Rohstoffzufuhr und Ausbau der Produktionskapazitäten – ist lang. Es wäre besser, in der Zwischenzeit nicht durch Ankündigungen, die vielleicht einer löblichen Absicht entspringen, aber abseits der Wirklichkeit liegen, falsche Hoffnungen zu erwecken. h. m.