Ein Totgesagter meldet sich zum Wort: Ernst Torgler, dessen Name in eines der folgenschwersten Ereignisse der deutschen Geschichte verwickelt wurde. Am 27. Februar 1933 steckten braune Verbrecher das Gebäude des Deutschen Reichstags in Brand. Schon am folgenden Tag wurden die berüchtigten „Notverordnungen“ erlassen, die den Untergang der deutschen Freiheit besiegelten. Ernst Torgler, Führer der kommunistischen Reichstagsfraktion, sollte zu einem der Schuldigen am Reichstagsbrand gestempelt werden. Trotz beantragter Todesstrafe mußte er jedoch, freigesprochen werden. Torglers Bild ist seither stark umstritten gewesen. Aus seiner eigenen Partei wurde er ausgestoßen. Wenn Torgler auch von der öffentlichen Bühne abgetreten ist, so hat er doch zu den schicksalhaften Vorgängen von damals wie zu seiner eigenen Rolle während der Hitler-Zeit Neues und Wesentliches zu sagen.

Der Reichstagsbrand, sollte das Fanal für den kommunistischen Aufstand werden – so behaupteten die Partei-Zeitungen der Nazis am 28. Februar 1933. Ja, der Reichstagsbrand war ein Fanal, aber das Fanal dessen, daß die uneingeschränkte nationalsozialistische Gewaltherrschaft angebrochen war. Noch schwelten die Balken und das Gestühl im Plenarsaal des Reichstages, da wurde bereits jene berüchtigte „Verordnung zum Schutze von Volk und Staat“ mit der Unterschrift Hindenburgs veröffentlicht, durch die das Briefgeheimnis, die Presse- und Telefonfreiheit aufgehoben und die Möglichkeit geschaffen wurde, unbequeme Menschen, für unbegrenzte Zeit in Schutzhaft zu nehmen. Damit war praktisch das Konzentrationslager zu einer feststehenden Einrichtung geworden.

Man wird vielleicht heute fragen, warum ich mich gerade jetzt mit dem Reichstagsbrand beschäftige, nachdem ich solange, daß heißt dreieinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch, geschwiegen habe. Den äußeren Anlaß gab Dr. Gisevius mit dem ersten Bande seines Buches „Bis zum bitteren Ende“. Gisevius, ein Mann, der so tut, – als ob er überall dabeigewesen sei, während er doch sein Wissen nur vom Hörensagen hat, bestenfalls aus dem Studium von Gestapo-Akten. Dies jedenfalls möchte ich in aller Bestimmtheit von seinen Schilderungen des Reichstagsbrandes, des Reichstagsbrandprozesses und von seinen Angriffen gegen mich sagen. Übrigens, wenn ich bisher geglaubt hatte, Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und Heydrich auf der einen Seite und Oberst Stauffenberg, Generaloberst Beck und Dr. Goerdeler auf der anderen Seite hätten in den zwölf Jahren der Naziherrschaft im Mittelpunkt des Geschehens gestanden, so fand ich nach der Lektüre des Giseviusschen Buches: ich hatte mich geirrt. Dr. Gisevius war die Sonne, um die sich alles drehte ...

Der „revolutionäre Elan ...“

Für mich beginnt die Geschichte des Reichstagsbrandes bereits 14 Tage bevor die Flammen ausbrachen, also etwa Mitte Februar. Und zwar hatte der am 30. Januar 1933 neuernannte Reichskanzler Hitler seine erste Amtshandlung vollzogen: er hatte den Reichstag aufgelöst und Neuwahlen für den 5. März angesetzt. Für jeden In der politischen Praxis Versierten war klar, daß bei einem normalen Ablauf der Wahlkampagne, selbst wenn man starke Behinderung der Wahlvorbereitungen und Wahlpropaganda für die demokratischen Parteien und für die KPD einkalkulierte, die Nationalsozialisten nie Und nimmer die Mehrheit der Mandate erhalten würden, wahrscheinlich nicht einmal zusammen mit den Deutschnationalen. Wir Kommunisten rechneten deshalb mit einem Verbot unserer Partei. Wir rechneten damit; daß unsere Wahlvorschläge vor der Wahl kassiert würden. Also schaltete sich unsere Partei auf die Illegalität um. Das Karl-Liebknecht-Haus am Bülowplatz in Berlin wurde geräumt, ich allein blieb sozusagen als letzte „legale Säule“ im Reichstagsgebäude sitzen. Dort fand jedoch noch eine Sitzung des „Ausschusses zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung“ statt, jenes Ausschusses, der in der Zeit zwischen Auflösung des alten und Zusammentritt des neuen Parlamentes bestehen blieb, um die Rechte der Volksvertretung gegenüber der Regierung zu wahren. Die Sitzung dauerte nicht lange. Sie flog unter ziemlichem Krach auf. Beinahe wäre es sogar zu einer Schlägerei gekommen, und zwar durch Verschulden der Nazimitglieder, die natürlich eine parlamentarische Kontrolle nicht wünschten. In besonderer Erinnerung aber ist mir diese Sitzung deshalb geblieben – und aus dem Grunde erwähne ich sie auch nur – weil beim Hinausgehen Dr. Frank, der spätere Generalgouverneur von Polen, mir mit Emphase erklärte: „Nun, was sagen Sie zu unserem revolutionären Elan? Lenin hätte es nicht besser machen können.“ Ich war erschüttert ob soviel politischer Naivität.

Bei meinen Bemühungen, rechtzeitig Näheres zu erfahren über die Absicht, unsere Partei zu verbieten, hatte ich auch eine Unterredung mit dem Vorsitzenden der Deutschnationalen Reichstagsfraktion, Dr. Oberfohren. Er schimpfte zunächst fürchterlich auf. die Nazis, insbesondere kritisierte er erbittert das Staatsbegräbnis für den „Verbrecher und Zuhälter Maikowski“, wie er sich ausdrückte, das am Tage vorher stattgefunden hatte. Maikowski, ein Berliner SA-Mann, war erschossen aufgefunden worden. Das genügte, einen Nationalhelden aus ihm zu machen und Straßen nach ihm zu benennen. Auf meine Frage, wie sich die Deutschnationalen zu einem Verbot der KPD stellen würden, erklärte er mir wörtlich: „Wir denken gar nicht daran, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen, und unsere Schlüsselposition als Zünglein an der Waage aufzugeben! Ich habe deswegen schon eine große Auseinandersetzung mit Hugenberg gehabt.“ Auch Stöhr, Mitglied des Vorstandes der Nazifraktion, versicherte mir, daß seine Partei niemals daran dächte, irgendeine Partei zu verbieten, auch nicht die kommunistische. Ich kann nicht behaupten, daß diese Versicherung einen überzeugenden Eindruck auf mich gemacht hätte. Bald aber stieß ich auf ein Gerücht, das mir von verschiedenen Seiten – so auch von Friedrich Stampfer, dem Chefredakteur des sozialdemokratischen „Vorwärts“ – zugetragen wurde, wonach noch vor der Wahl ein Attentat auf Hitler erfolgen würde.

Diese Gerüchte schienen aus SA-Kreisen zu kommen. Was tun? Die Tagung des Preußischen Staatsrates am 23. Februar, dessen Vorsitzender Dr. Adenauer war, schien mir der geeignete Ort zu sein, von diesem Gerücht öffentlich zu sprechen. Ich wollte die werktätige Bevölkerung, die ja in erster Linie die Folgen zu tragen hätte, warnen. Um diese Zeit war bereits eine große Anzahl von Zeitungen, insbesondere die Linkspresse, verboten. Im Bemühen, die Öffentlichkeit trotzdem zu erreichen, habe ich also in dieser 5. Sitzung vom Donnerstag, dem 23. Februar, im Rahmen einer größeren Rede von dem Gerücht gesprochen, nach welchem einige Tage vor der Wahl ein Attentat auf Hitler in Szene gesetzt werden sollte, bei dem natürlich dem „Führer“ nichts passieren werde. Genau so, wie die Attentate von Hödel und Nobiling auf Wilhelm I. von Bismarck als Begründung für das Sozialistengesetz benutzt wurden, werde dies angebliche Attentat auf Hitler die ideologische Basis für eine große Verfolgungsaktion gegen die Arbeiterklasse, für Mandatskassierungen, für Zeitungsverbote darstellen.