Man kann auch in Hamburg wieder französische Filme sehen nach dem Übergang von der Bizone zur Trizone. Die Harvestehuder Lichtspiele zeigen „Ein Schatten der Vergangenheit“ (Le revenant). Ein Mann, erfolgreich, brutal, gefühllos und voll böser Erinnerungen kehrt zurück in die Stadt, in der man ihm vor 20 Jahren nach dem Leben trachtete. Er sagt den Spießem aufregende Frechheiten und reist wieder ab. Ein Drehbuch von tiefschürfender Thematik (und leider zu langen, aber auch in deutscher Fassung geschliffenen Dialogen; das Publikum ist dazu ungeduldig und verläßt den Saal). Im Milieu sind diese Bilder (Spießerheim und Ballettbühne) so bis ins einzelne echt und in der Atmosphäre so erregend, wie man es von französischen Filmen meistens rühmen muß, von jener kühlen, illusionslosen Realistik, die der Wahrheit hinter den Dingen nachspürt.

Unter den Charakterstudien der Akteure (Louis Jouvet als Mann mit Vergangenheit, Gaby Morlay als scharmantes Provinzgänschen) fiel die bezaubernde Darstellung der ersten Liebe eines Zwanzigjährigen durch Franc Perier besonders auf, mit einem Gesicht, das allen Schmelz, alle Rührung, allen Zorn und alle Trauer widerspiegelte. Eine komische sandrockähnliche alte Dame kommt, jedenfalls in deutscher Sprache, nicht zur Geltung und hemmt den ohnehin etwas zähen Ablauf der Handlung. Arthur Honegger schuf die Musik.

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Im Waterloo-Theater zu Hamburg ist Marlene Dietrich mit dem französischen Film Martin Roumagnac“ eingekehrt Wie im immer noch unvergessenen „Blauen Engel“ ist ihr ein redlicher arrivierter Kleinbürger zum Opfer gefallen, diesmal in einer französischen Kleinstadt. Das heißt: zum Schluß fällt sie ihm zum Opfer, er ermordet sie und nimmt selbst ein geheimnisvolles Ende. Wie man sieht, Einfälle wie im Kitschroman, schablonenhaft mit reicher Vorführung der berühmten Marlenebeine und Schlafzimmeratmosphäre. Aber dennoch, wie ist das gekonnt! Wie ist das kompliziert und raffiniert in der Technik! Welche Süße, welche Zartheit liegt über diesen Bildern. Auch dies ein Film subtiler Menschendeutung (Regie Georges Lacombe) mit großen Darstellern: eben Marlene Dietrich, von sündiger Schönheit und abgründigem Lächeln, Jean Gabin als redlicher ehrgeiziger Bauunternehmer.

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Der Mensch lebt im Gefängnis seiner Umwelt. Der Bauunternehmer gerät, als er der eigenen zu entrinnen sucht, in eine ihm fremde Sphäre und fühlt sich nicht wohl. In dem amerikanischen Film „Lebenskünstler“ (Urania-Filmbühne, Hamburg) wird eine Familie vorgeführt, die sich von ihrer Umwelt losgesagt hat. Jeder macht, was er will und nicht mehr das, was er muß. Es geht turbulent und sonderbar zu In diesem Haus, mit amerikanischer Freude am tollen Jux. EinemFinanzgewaltigen werden die Leviten gelesen, und, da der Film aus Hollywood kommt, wird er natürlich zum einfachen Leben bekehrt. Damit muß der Film aufhören (er ist schon ohnehin zu lang), denn wie sollte er wohl weitergehen. Happy-End Ist Festhalten des schönen Augenblicks, das Leben aber verharrt nicht an der schönsten Stelle. Jean Arthur und Lionel Barrymore geben dem Lebenskünstler und dem big businessman intensiven Umriß, James Stewart, Liebling der Frauen in allen Erdteilen, kommt diesmal nicht recht zum Zuge.

Wenn man diesen „Roumagnac“ und diesen „Lebenskünstler“ hintereinander sieht, besonders Wenn man die Gerichtsszenen beider Filme vergleicht, dann ahnt man einiges von der Verschiedenheit zweier Völker. Die Franzosen röntgen das Individium mit illusionsloser Objektivität, die Amerikaner mit Hang zum Überdimensionalen, zur Großartigkeit, zur lauten Lebensfreude und demonstrieren Massengefühle.