Wenn heute ein Meteorologe erklären würde! Dieser Sommer. 1948 müsse, rein wissenschaftlich betrachtet, als ausgesprochen trocken gelten, nur habe eben die wider alles Erwarten große Regenhäufigkeit die theoretisch wohlbegründete Vorhersage gestört, so daß es praktisch nun doch, o weh, ein nasser Sommer geworden sei – er würde der verdienten Lächerlichkeit anheimfallen. In der Nationalökonomie aber gilt es offenbar nicht als blamabel, wenn eine „rein wissenschaftlich“ begründete Ansicht durch den Gang der Ereignisse gründlich widerlegt worden ist, und jeder Theoretiker kann, ohne sich lächerlich zu machen, öffentlich erklären: seine Voraussagen seien „wissenschaftlich“ nach wie vor richtig, wenn auch die praktische Entwicklung durch unvorhergesehene Momente, oha, leider ins Gegenteil verkehrt worden sei.

So hat ein süddeutscher Fachmann immer gesagt; 20 v. H. der alten Reichsmark-Beträge müßten in DM umgewandelt werden, nicht bloß 5 oder 6 oder 10 v. H., wenn man die böse Deflationsgefahr verhüten wolle. Jetzt hat sich freilich ergeben, daß wir, bei generell 5 v. H. Freigabe, wozu noch 1 v. H. aus. Festkonto (und demnächst weitere 0,5 v. H. für Investitionskredite) kommen, hart an die Grenze einer inflationären Entwicklung geraten sind. Macht nichts! Der Mann hat doch recht gehabt: Das heutige Geldvolumen wäre, so sagt er, „an sich“ zu gering das Geld laufe eben nur „zu schnell“ um, und deshalb seien die Vorhersagen auf den Kopf gestellt. Aber „richtig“ blieben sie ja trotzdem ...

Nun war ja doch sehr wohl vorauszusehen, wie sich nach der Geldneuordnung die Dinge entwickeln würden: nämlich bestimmt nicht so, daß man mit einer „normalen“ Kassenhaltung und einer „normalen“ Sparquote, also auch mit einer normalen Umlaufsgeschwindigkeit würde rechnen können. Das ist auch vorher gesagt worden; das war ja gerade das entscheidende Argument auf Seiten der Befürworter einer sogenannten radikalen Lösung! Sie haben gesagt, daß jeder Freigabebetrag, der über den Wert der (zusätzlich zur normalen Lagerhaltung) vorhandenen. Bestände an Hortungsware plus den Wert der aus gestundeten Einfuhr hereinkommenden Warenmenge hinausgehe, einfach „zuviel“ sei; sie haben es als sicher vorhergesagt, daß die Freigabebeträge, da sie ja als „geschenktes Geld“ angesehen wurden, in voller Höhe als zusätzliche Nachfrage in Erscheinung treten, mußten. Nicht auf eine bestimmte Menge an Notengeld komme es an; die Wirtschaft könne sich vielmehr mit jedem beliebigen Geldumlauf einrichten; entscheidend sei nur die Art der Verwendung: und diese sei abhängig davon, ob das Geld „zu Besitz“ – und damit zu beliebiger Verwendung – in Verbrauch und Anlage gegeben werde, oder aber, ob es als Kreditgeld geschaffen und in seiner Verwendung damit auf die Umsatzfinanzierung beschränkt sei. Die Deflationsgefahr sei ein Hirngespinst, so wurde immer wieder gesagt, und nur die gegenteilige Sorge, wegen einer, zu reichlichen Geld-Alimentierung – der Konsumsphäre zunächst, der Gesamtwirtschaft sehr bald danach – sei gerechtfertigt.

Jetzt stehen wir also dieser Sorge von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie ergibt sich nicht etwa aus der absoluten Höhe des Notenumlaufs, den der (endlich veröffentlichte!) erste Zentralbankausweis auf rund 5 Milliarden beziffert, und auch nicht aus der Höhe des mit gut 12 Milliarden angegebenen Geldvolumens insgesamt. Diese Zahlen, für sich allein betrachtet, besagen gar nichts – sie gewinnen ihre Bedeutung erst dann, wenn nach weiteren Wochen und Monaten neue Vergleichsziffern vorliegen, also die Veränderungen erkennbar werden. Auch in -Verbindung mit irgendwelchenSchätzungswerten für die Umlaufsgeschwindigkeit vermitteln die genannten Ziffern noch keine brauchbaren Einsichten, geben sie noch keinerlei Anhalt dafür, welche Art von Kreditpolitik nötig, mit welchen Methoden sie durchführbar ist. Die Gefahr dokumentiert sich vielmehr in der Preisentwicklung, vor allem aber in der mehr und mehr deutlich werdenden Tendenz, Ware spekulativ zu kaufen und spekulativ zurückzuhalten.

Daß die Umlaufsgeschwindigkeit groß – ist, hören wir alle Tage. Daß sie groß sein muß, ergibt die theoretische Überlegung, wonach bei relativ geringer Menge an Umlaufsgeld nur dann relativ hohe Preise möglich sind, wenn das Geld „schnell zirkuliert“. Wie aber steht es mit der Liquidität der Betriebe? Sie ist, ganz unzweifelhaft, beträchtlich: bei einem Lagerumschlag, der drei- und vierfach so schnell vor sich geht, wie in normaler Zeit, muß sie es ja wohl sein, und die Tatsache, daß Vorauszahlungen und Barzahlung bei Lieferung üblich sind, bestätigt es. Daß die im Lager investierten Kapitalien häufiger als früher umgeschlagen werden, bedeutet durchaus noch nicht, daß nun auch die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes in dieser Sphäre sehr groß sein muß. Im Gegenteil: die genaue Definition des Begriffs Umlaufgeschwindigkeit, wie sie gewohnlich gegeben wird, lautet ja: durchschnittliche Kassenhaltung im Verhältnis zum durchschnittlichen Umsatz – je höher die Kassenhaltung, um so geringer-die Umlaufsgeschwindigkeit. Da nun, bei einem Umsatzvolumen von etwa 70 v. H. (wenn 1938 = 100 gesetzt ist) und allgemein (gegenüber dem Friedensstand) erhöhten Preisen die DM-Umsätze von heute nahezu in der Höhe der RM-Umsätze von 1938 liegen, die Liquidität der Betriebe aber erheblich größer und (was dasselbe besagt) die Inanspruchnahme von Umsatzkredit erheblich geringer ist, ergibt sich das paradoxe Bild, daß der schnellere Umschlag des Lager-Kapitals eine höhere Kassenhaltung der Betriebe (im Vergleich zur Umsatzhöhe) und damit also eine relativ geringe Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes ermöglicht

Wie sich das mit der Verkehrsgleichung in Übereinstimmung bringen läßt, mag unsere fröhliche Wissenschaft aufklären: vielleicht wird das erst nach Jahr und Tag gelingen. Hier und heute möge zunächst der Hinweis darauf genügen, daß die Umlaufsgeschwindigkeit eben doch ein ganz vertracktes Etwas ist: man kann sie zwar für jede unerwünschte Entwicklung verantwortlich machen, sie aber weder befriedigend definieren, noch genau zahlenmäßig ermitteln; man kann sie – und das ist ja wohl das Entscheidende – vor allem nicht irgendwie beeinflussen. Und das wäre ja doch wohl in erster Linie nötig, um zu praktischen Ergebnissen zu kommen!

Vorerst trösten unsere Kreditpolitiker sich und andere damit, daß die Preisentwicklung ja allmählich auslaufen werde: die höheren Preise würdendie überschüssige Geldmenge „aufsaugen“, das „Gleichgewicht zwischen Geld und Ware“ sich wiederherstellen. Welch fröhlicher Optimismus! Beinahe das Gegenteil ist richtig: bei steigenden Preisen und schnellem risikofreien Lagerumschlag, wenn die Ware dem Erzeuger und dem Händler „aus der Hand gerissen“ wird, wenn er sich über Vorauszahlungen und Anzahlungen mühelos finanzieren kann, geht die Akkumulation gewissermaßen im Eiltempo vor sich (was ja auch der inneren Logik unserer Situation entspricht, in der das Kapital knapp ist, also besonders schnell zunächst „Mehrwerte heckt“), wird – der spekulative Warenkauf nur ermutigt. Es wird also nicht (Geld) Kapital „aufgesaugt“, sondern bei beschleunigten Umsätzen kumuliert, und mangels ausreichender Anlagemöglichkeiten. in Investitionen, in immer neuer Nachfrage virulent gehalten.