AIs Hamburgs größte Lebensader, der Ex- und Import, durch den Zusammenbruch rigoros abgeschnitten war, suchten verschiedene Industriezweige diesen erheblichen Ausfall zu einem gewissen Teil auszugleichen. Dazu gehört ebenfalls die Bekleidungsindustrie, die sich nach Kriegsende zu dem „Verband der Hamburger Bekleidungsindustrie e. V.“ zusammengeschlossen hatte. Früher waren Berlin, Breslau und Stettin die Zentren der deutschen Bekleidungsindustrie. Durch die Entwicklung im Osten wurden viele bekannte – Firmen aus Breslau, aus Stettin und schließlich auch aus Berlin nach dem Westen verlagert, wo sie mit neuer Initiative ihre Betriebe aufbauten.

Bei Kriegsende zählte Hamburg rund 130 Firmen dieses Industriezweiges, die 3000 Arbeitskräfte beschäftigten. Durch den Ostfirmen-Zuwachs ist die Zahl auf 200 angestiegen, die heute 5000 Arbeitnehmer haben. Einen weiteren Zuwachs, der für Hamburgs Zukunftsentwicklung durchaus erwünscht gewesen wäre, ließ die wenig entgegenkommende Haltung der zuständigen Verwaltungsstellen leider nicht zu. Aus diesem Grunde sind viele Betriebe, die sich Hamburg zum Sitz ausersehen hatten, nach dem Rheinland, nach Westfalen, nach Niedersachsen und nach Schleswig- Holstein abgewandert. Trotzdem stellen die 200 Betriebe der Hamburger Bekleidungsindustrie eine der wichtigsten Konsumgüterindustrien der Stadt dar. Besonders bedeutungsvoll war in Hamburg schon immer die Herstellung von Gummiregenmänteln und von Ölbekleidung, die auch heute wieder einen großen Raum einnimmt.

Im Augenblick bereiten die führenden Firmen der Bekleidungsindustrie das „Jedermann-Programm“ vor, vor, das übrigens neben Textilien auch Schuhe. Möbel l und Betten umfassen wird. An zuständiger Stelle rechnet man damit, daß noch vor Weihnachten die ersten Bekleidungsstücke des ,,Jedermann-Programmes“ zum Verkauf getangen werden. Auf dem Gebiet der Textilien enthält es Straßenanzüge, Damenmäntel, Kindermäntel, Joppen, – Arbeitshosen, Arbeitshemden, Schlosseranzüge und Kittelschürzen. Obwohl man damit rechnet, daß die Preisgestaltung dieses Textilprogrammes einen erheblichen Preisdruck auf Textilien ausüben wird, glaubt die Textilindustrie vor zu optimistischen Hoffnungen warnen zu müssen. Die Nachfrage, nach Textilien ist ungewöhnlich groß. Die vorhandenen Bestände sind zum überwiegenden Teil aufgebraucht und die Rohstoffeinfuhr ist unzureichend. Für das vierte Quartal sind der Doppelzone z. B. Baumwolleinfuhren von insgesamt 25 000 t genehmigt worden. Leider kann man nur mit dem rechtzeitigen Eintreffen von 12 000 t rechnen. Von ihnen sind 7000 t türkischer Herkunft und von sehr schlechter Beschaffenheit. Hinzu kommt, daß der immer noch vorhandene und in absehbarer Zeit nicht zu überwindende Spinnerei-Engpaß auch nicht ausreichend die Möglichkeiten der Webereien befriedigt.

Diese Punkte dürften dafür verantwortlich sein, daß das „Jedermann-Programm“ einen ungewöhnlich hohen Anteil der Textilproduktion der Westzonen in Anspruch nehmen wird. Grundsätzlich wird man nur rationell arbeitende Betriebe einschalten, um durch die Vorteile der großen Serie die bestmögliche Ausnutzung zu erreichen. Stets sollen diese Bekleidungsstücke unter den Preisen des „Textilien-Preisspiegels“ liegen, und für den Einzelhandel wird man einheitliche Verkaufsspannen festlegen, die sich seiner Forderung anpassen, die auf einer Tagung in Rüdesheim unter dem Gesichtspunkt gestellt wurde: Möglichst niedrig zu kalkulieren, um so zur Belebung des gesunden Wettbewerbs beizutragen! ww