Erlebnisse einer Schauspielerin

Mit lautem Knall bleibt ein kümmerliches Vehikel, kaum noch Omnibus zu nennen, auf der Landstraße stehen, und gelassen steigen die Fahrgäste aus, nicht eben, als ob ihnen ungewohntes geschähe! Denn dies ist eine der ostzonalen Volksbühnen, und solche Szenen gehören zum täglichen Brot der Mimen, die denn auch in fatalistischer Ruhe die Frage erörtern, ob sie überhaupt noch zur Vorstellung zurechtkommen und vielleicht sogar Zeit und Gelegenheit haben werden, vorher eine Suppe zu schlürfen. Das Mittagessen Ist sowieso verpaßt, und die Verpflegungslage äußerst prekär. Doch wird die Situation mit ungebrochener Heiterkeit genommen, und ruhig, strickend sitzt die Souffleuse auf dem Meilenstein, sie wenigstens nutzt die Stunde! –

Die Idee der Volksbühne, das Theater auf einer großen Zuschauergemeinde zu begründen, die durch ständige Beiträge das Ganze trägt und dafür jedem einzelnen Mitglied die Möglichkeit bietet, für billiges Geld gute Vorstellungen zu sehen, ist besonders unter den heutigen Verhältnissen wohl begrüßenswert. Und: Kunst dem Volke, ist eine löbliche Devise – doch das Volk will nicht immer genießen, was man mit Fug und Recht echte Kunst nennt! – Schon Peter Alten? barg sagte einst taktvoll auf die bekannte Sentenz „Volkes Stimme, Gottes Stimme“ den Satz „Das wollen wir dem lieben Gott doch nicht antun!“

Man muß erlebt haben, wie der Gastwirt in M. nach der „Rose Bernd“ seinen Gästen tröstend zuraunte: „Na, laßt man, nächstens kommt wieder ein anständiges Stück!“, oder den Küchenchef in D., der nach der Posse „Hurra, ein Junge“ in schöner Offenheit ausrief: „Ja, wenn ihr sowas bringt, kriegt ihr nächstens auch wieder eine anständige Suppe!“ (eine Art von Mohrrüben-Wasser hatten die armen Mimen zu schlürfen bekommen) „Das letzte Mal war es ja ein zu dummes Stüde!“. Und das war Hauptmanns Biberpelz gewesen!

Zum großen Teil liegt die Ablehnung, mit der man unsere Kunstbemühung erwidert, wohl daran, daß der früher auch in kleineren Städten vorhandene Mittelstand heute nicht mehr existiert oder jedenfalls nicht zahlungskräftig ist. Heute eilt zu allen Veranstaltungen vornehmlich die amüsierlustige Jeunesse d‘orée, die lediglich Varieté kennt und verlangt. Zum anderen muß man aber auch die krasse Notlage der Bevölkerung berücksichtigen, die jede freie Minute zur Nahrungsbeschaffung nutzt und bis spät in die Nacht beschäftigt ist, die Tage mit Ährenlesen, Holzsammeln und Kartoffelfahrten hinzubringen, was die Seele nicht gerade für die hphere Dichtkunst aufnahmefähig macht. Um so erstaunlicher ist es, daß in einigen wenigen Städten, offenbar durch gute, örtliche Kulturarbeit, sich größere, sehr aufgeschlossene Volksbühnen-Gemeinden gebildet haben, die, teilweise durch einführende Vorträge vorbereitet, ein recht gutes Publikum abgeben.

Oft scheinen unsere materiellen Schwierigkeiten unüberwindlich. Wo selbst die „Ureinwohner“ wochenlang kein Fett oder Fleisch bekamen, gibt es auch nichts auf Reisemarken, und ein markenfreies Gemeinschaftsessen (sprich Wassersuppe) dem jeweiligen Bürgermeister zu entlocken. gehört zu den täglichen neuen, schwierigsten Aufgaben des bedauernswerten Reisleiters. Die Regierung unterstützt mit wohlwollenden Worten, her sie darf nichts befehlen, denn es ist nichts da, und Außerdem: was hat das Ressort Ernährung mit dem Ressort Kunst zu tun?

Die Nachtquartiere da und dort lassen sich nur mit Humor ertragen. Man weiß oft nicht, was vorzuziehen sei: ein Bürgerquartier, wo der durchaus nicht immergern gesehene Gast auf dem Sofa in der Guten Stube aufgebahrt wird, oder ein Hotel, das zwar die sehr erwünschte neutrale Atmosphäre bietet, aber oft mit herabhängenden Tapeten, herausgerissenen Lichtschaltern und mit Bettwäsche, die manchen Sturm erlebte, ein allzu sichtbares Zeugnis vergangener Schrecknisse und momentaner Notlage darstellt. Im bis auf den Grund zerstörten P. gab es einen Strohsack mit Wolldecke im Gemeinschaftssaal. Waschgelegenheit war nicht vorhanden, die Wanzen las man sich morgens vom Mantel. Abhilfe dürfte hier wohl kaum bald zu erwarten sein, denn „die große Armut kommt von der großen pauverté.“