Mit den Kompensationsgeschäften Ist es in der Politik genau so wie in der Wirtschaft: man macht sie, aber man gibt es nicht zu Auch die CSU will nicht wahrhaben, daß es ihr bei ihrem Vorstoß gegen Schlange-Schöningen im Grund im ein solches Kompensationsgeschäft-geht, das Ihr geschickter Dr. Josef Müller am liebsten hinter verschlossenen Türen ins Reine gebracht hätte. Er kam zu Schlange-Schöningen, der gerade im Urlaub war und, wie die einen behaupten, einen Schnupfen hatte, während die anderen der Ansicht sind, daß er nur verschnupft gewesen sei, und forderte ihn in aller Stille, aber um so entschiedenen auf, „aus Gesundheitsrücksichten“ zurückzutreten. Schlange-Schöningen lehnte das Ansinnen rundweg ab, und daraufhin beschloß die CDU/CSU nach langen Auseinandersetzungen, zu gegebener Zeit ein Mißtrauensvotum gegen Schlange-Schöningen einzubringen.

Ob Schlange-Schöningen von der Generallinie der Parteipolitik abgewichen war, wie ihm vorgeworfen wird, und ob er deshalb gestürzt werden sollte, das erscheint uns weit weniger interessant als die für Millionen Konsumenten und Produzenten viel bedeutsamere Frage, aus welchen für die Allgemeinheit triftigen Gründen das so wichtige Amt des Ernährungsdirektors gerade jetzt neu besetzt werden soll. Was lag gegen den Direktor der Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft sachlich vor?

Jeder Einsichtige weiß, daß ein Abweichen von der Bewirtschaftung der Grundnahrungsmittel bis auf weiteres nicht möglich ist. Es wird behauptet, daß Schlange-Schöningen an dem in letzter Zeit zutage getretenen Mißerfolg der Fleisch- und Brotrationierung schuld sei. Aber die Durchführung der diesbezüglichen Gesetze liegt doch in den Händen der Landesbehörden. Und gerade in jenem Land wurde unter den Augen der zuständigen Dienststellen in der Verwirtschaftung am hemmungslosesten gesündigt, das sich nun so laut zum Ankläger anderer gemacht hat. Es ging aber auch überhaupt nicht um Bewirtschaftungsmethoden und um ein wirtschaftspolitisches Ziel, Es ging um eine Zielscheibe und um einen Knalleffekt.

Die maßgebenden Männer der bayrischen CSU haben sich lange für eine vernünftige Politik ihrer Fraktion im Wirtschaftsrat eingesetzt, und deshalb gerieten sie bei den weniger Vernünftigen im Lande, ja sogar in den eigenen Reihen, in den Ruf von „Zentralisten“. Das ist im Hinblick auf die kommenden Parlaments-, oder vielleicht noch früher, stattfindende Landtagswahlen nicht ungefährlich. Es mußte also, wie man in Bayern in solchen Situationen zu sagen pflegt, „was gegeschehen“. Und zwar etwas, das gegen die Frankfurter Zentrale gerichtet war, denn nur so konnte man ja den „Anti-Zentralisten“ Wind aus den Segeln nehmen. So kam es, daß der Ernährungsdirekter ein parteipolitisches Kompensationsobjekt Im Interesse dieser Entlastungsoffensive wurde. Der Sachverhalt erhält auch, dadurch kein anderes Gesicht, daß die aus München kommende Kampfansage später anderwärts Unterstützung fand. War aber der von der CSU verlangte Preis nicht zu hoch für ein parteipolitisches Manöver? Reich an Begabungen ist der Frankfurter Verwaltungsbetrieb doch wahrlich nicht! Wir verstehen, daß die Sorge um die zukünftigen Parlamentsmandate heute mehr oder weniger die Stellungnahme aller Parteien in wichtigen Fragen beeinflußt, aber wir haben kein Verständnis da- – für, daß aus jener Besorgnis heraus Kompensationsgeschäfte gemacht werden, deren Kosten womöglich eines Tages die Allgemeinheit tragen muß, R.S.