In Neuß am Rhein residiert die „Fachvereinigung industrieller Reißspinnstoffherstellung und verwandter Industrien“, ein Zonenverband, der eine vielseitige Industrie betreut: außer den Erzeugern von Reißspinnstoffen jeglicher Art die Hersteller von Polsterwolle, Industriewatte und Steppdeckenfüllung, von Jutevlies und Werg, die Juteabfallspinnereien (Gewinnung von Teer- und Weißstricken als Rohrdichtungen), die Hersteller von Putzwolle, die Maschinenputztuch- und Tuchlappenwäscherei, die Polierscheibenhersteller und die Erzeuger von Schutzkleidung aus Lumpenresten. Die Verwandtschaft dieser verschiedenen Industriezweige liegt in der Ver- oder Bearbeitung von Alt- und Abfallstoffen, und ihre Bedeutung versteht sich, in einer Zeit des großen Rohstoffmangels von selbst.

Das Schwergewicht der deutschen Reißspinnstoffindustrie und ihrer verwandten Zweige liegt mit rund 70 v. H. in den vereinigten Westzonen. Das britische Besatzungsgebiet beherbergt etwa 125 und das amerikanische Gebiet rund 50 Betriebe. In der britischen Zone hat Nordrhein-Westfalen mit fast 90 v. H. der Reißspinnstoffherstellung bei weitem die Führung; davon liegt der Hauptteil im Rheinland. Die wichtigsten Standorte der britischen Zone sind die Bezirke von Aachen, Düren, Gladbach-Rheydt, Krefeld mit Neuß, das Agger- und Wiehltal und Bocholt; andere Betriebe liegen in der Zone verstreut: in Scherfede, Duderstadt, Neumünster. Da die Kriegsverluste sich in mäßigen Grenzen hielten, ließ sich die betriebsbereite Kapazität durch Reparaturen und Erneuerungen nahezu wieder auf Vorkriegsstand bringen.

Nach der technischen Leistungskraft der Reißspinnstoffbetriebe könnten die Spinnereien (Streichgarnspinnereien bei Wolle, 2-Zylinder- und Vigognespinnereien für Baumwolle) mehr als ausreichend versorgt werden. Jedoch wird die tatsächliche Leistung durch den schleppenden Anfall von Lumpen sehr beeinträchtigt. Die Kapazitätsausnutzung belief sich kürzlich bei Wien Sparten der britischen Zone, also einschließlich der verwandten Industrien, auf rund 40 bis 50 v. H. Der innerdeutsche Rohstoffzufluß ist gering und im großen Umfange minderwertig. Erstens ist der gesamte Spinnstoffhaushalt durch Totalverluste und Produktionsausfälle sehr gesunken, zweitens sind die inländischen Lumpen äußerst abgenutzt und schon allzusehr mit Surrogaten durchsetzt. In einzelnen Ländern der Ost- und Südzone hatte man mit Prämien gute Erfahrungen gemacht. Die britische Zone hat leider mit solchen Maßnahmen brilange gezögert. Umtauschverbote zur Steuerung von Mißbräuchen haben wenig gefruchtet. Die Praxis hat sich darüber hinweggesetzt. Einzel-Praxis und Schneidergewerbe wurden auf diese Weise vielfach zu „illegitimen“ Sammlern diese für Tuchwebereien, die das anfallende Material in den Reißstoffspinnbetrieben im Lohn verarbeiten ließen. Aber das anfallende Material blieb zu ließen.

Die Industrie der Reißspinnstoffe war von jeher auf Einfuhr eingestellt. Die Lumpen liefen vom Westen zum Osten. Die besseren Herkünfte stammten aus West- und Nordeuropa, wurden in Deutschland gerissen und als Reißspinnstoffe den verarbeitenden Industrien zugeführt oder teilweise in Osteuropa abgesetzt. Heute ist die Einfuhr von guten Lumpen noch dringender, da sie allein gute Spinnstoffe verbürgen. 1947 kamen 4500 t Altstoffe aus England; davon mußten jedoch 2000 t (Uniformstücke oder Spinnereiabgänge) für andere Zwecke ausgeschieden werden, so daß der Reißspinnstoffindustrie nur 2500 t verblieben. Neuerdings sind weitere Käufe in verschiedenen Ländern abgeschlossen worden. Jedoch vergehen bis zur Ablieferung am Reißwolf stets viele Monate.

Die ungnügende Versorgung der Reißspinnstoffindustrie ist aus folgenden Zahlen sehr deutlich ersichtlich: Für das 1. Quartal 1948 wurden für alle Sparten der Doppelzone dieser Industrie 1800 t „verplant“. Die vierteljährliche Verarbeitungskapazität der Reißwollherstellung der britischen Zone beläuft sich jedoch allein schon auf rund, 1500 t. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Betriebsausnutzung im großen Durchschnitt bisher nur bei 40 bis 50 v. H. lag. Wenn auch die bisherigen technischen Engpässe (Ersatzteile für die Reißmaschinen, Kratzenbänder für – die Krempel usw.) nicht... übersehen werden dürfen, so hat doch bisher die Facharbeiterfrage keine Schwierigkeiten bereitet. Entscheidend ist allein der noch immer geringe Zufluß des Rohmaterials. H. A. N.