Man nennt sie „die deutsche Jugend“, und schon das ist falsch. Weil es „die deutsche Jugend“ schlechthin gar nicht gibt. Man versuchte einen Star aus ihr zu machen. Das ist in den drei Jahren deutscher Nachkriegsdemokratie gründlich mißlungen. Was übrigblieb, sind ärgerlich gewordene Parteien – die ohne Nachwuchs eines Tages absterben müßten wie ein morscher Ast – und eine Jugend, die nicht mehr zuhören will Alles was 1945 Mißtrauen in ihr wir, ist heute der Resignation gewichen. Doch nur wer an dieser Müdigkeit schuldlos ist, der mag den ersten Stein gegen sie erheben.

Außer in konfessionellen, kulturellen und sportlichen Gemeinschaften sind etwa 5 v. H. der Jugend in den Westzonen politisch organisiere Wer jedoch jemals eine so organisierte Jugend erlebt hat, der weiß, daß selbst eine solche Minorität bedenklich ist. Die deutschen Teilnehmer, die auf der Internationalen Jugendkonferenz dieses Jahres in München dem Ausland präsentiert wurden, wirkten wenig repräsentativ. Sie galten als „die deutsche Jugend“ – und waren es nicht. Es war organisierte Jugend und keine Jugend mehr. Ihr fehlt das, was echte Jugend überall besitzt: gesunde Skepsis, Selbstvertrauen und Unabhängigkeit. Wenn heute, wie es leider geschehen kann, ein Junge von zehn Jahren in eine politische Jugendorganisation gesteckt wird, dann kann er in der Regel mit 16 Jahren nicht mehr unvoreingenommen denken. Das hat man längst im Dritten Reich gewußt. Wohl aber wird er die Unfehlbarkeit einer Parteidoktrin verteidigen können und alles tun, was die Organisation von ihm verlangt

„Jugend will Sicherheit“, das war in diesen Tagen das Motto einer Kundgebung in der Hamburger Universität, veranstaltet vom Hamburger Jugendring, in dem alle zugelassenen Jugendorganisationen zusammengeschlossen sind. Nicht einmal im Biedermeier hätte dies ein Erwachsener ungestraft vor Jugendlichen laut werden lassen dürfen. Noch nie hat Jugend Sicherheit gewollt Die organisierte Jugend aber kam in Scharen. Sie wäre sicher ebenso erschienen, wenn die Jugend „Recht auf Altersheim“ gefordert hätte. Bedrückend bleibt die Erinnerung darin, daß in demselben Hörsaal vor wenigen Wochen Jef Last auf seiner Deutschlandreise den „Einzelfall“ proklamierte – vor einem nicht halb so großen Auditorium. Das ist es, was auch in der Jugend einer organisierten Minderheit ihre Stärke verleiht: ein allzu großer Teil der Nichtorganisierten ist lau und seine Interessen sind flach wie seine Fähigkeiten.

Selbst jene, die sich 1945 auf die Suche machten nach Besserem, beginnen zu ermüden. Wir haben es satt, so sagen sie, und haben manchen Grund dazu. Denn der Jugendrummel geht weiter. Kein Landtag, kein demokratisches Forum überhaupt, vor dem nicht Recht und Pflicht der Jugend breitgetreten würde; kaum eine Zeitschrift,, in der nicht ein Ruf an sie erginge. Die Parteien haben sich ihrer angenommen. Eher dankerwartender- als dankenswerterweise. Die jungen Menschen horchen daher nicht mehr auf, wenn jemand mit erhobenem Zeigefinger mahnt, daß dereinst sie die Last des neuen Staates auf ihren Schultern tragen müßten. Sie waren schon einmal der „Garant für eine Zukunft“ und wurden „Ehrenbürger der Nation“. Jugendkundgebungen, Jugendorganisationen, Jugendgesetze, Jugendzeitschriften, Jugendtagungen und Jugendparlamente – all das ist gerade jenen zum Überdruß geworden, die nach der Kapitulation auf etwas Neues hofften.

Es ist viel über diese Jugend geschrieben worden. Wichtiges und Unwichtiges, Wahres und Unwahres und Bitteres und Böses. Selten aber hört man eine wirklich junge Stimme. Die sich erhoben, sind zerredet worden. Die sich erheben, klingen kalt Und spöttisch. Denn daraus formten sie sich eine Schale, die vieles zu verbergen hat: die Trümmer ihrereinstigen Welt, die Leere ihrer gegenwärtigen. Man bot ihnen eine fertig zubereitete Weltanschauung. Die wollten sie nicht. Sie wollten keine neue geistige Uniform. Sie wollten nicht organisiert und nicht in einen ausgetretenen Pfad getrieben werden, der bereits früher in den Abgrund führte. Das alles hatten sie gehabt. So ging die Jugend zaghaft auf die Suche nach Stimmen, die ihnen eine andere Richtung wiesen; nach jemandem, der ihnen helfen wollte, den ersten Schritt zu tun, ohne dafür die Annahme eines Dogmas zu verlangen. Die Mehrheit suchte drei Jahre lang nach solchen Menschen vergebens. Und doch: es gibt sie, auch in Deutschland; vereinzelt zwar, aber man findet sie. Das mag denen, die müde geworden sind, einstweilen Trost sein. Und eine Warnung, nicht ganz einzuschlafen. C. J.