Unter den Leserbriefen zu unserem Vorabdruck von Schachts Buch „Abrechnung mit Hitler“ befinden sich erwartungsgemäß auch kritische Äußerungen. Zwei der kritischsten stammen von dem Bremer Senatspräsidenten Kaisen und dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Dr. Menzel. Wir legen Wert darauf, daß unsere Leser gerade diese Zuschriften kennen lernen und veröffentlichen sie daher mit den Erwiderungen Schachts.

Kaisens Kritik

Der frühere Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat begonnen, wieder von sich reden zu machen. Was er in seinen Aufzeichnungen über Hitler zum Ausdruck bringt, ist viel besser und prägnanter von Friedrich Red in der „Zeit“ vom 23. Oktober 1947 zum Ausdruck gebracht worden. Es lohnt sich nicht, darauf einzugehen. Von Interesse ist nur, was Dr. Schacht unter der Überschrift „Der Schuldige“ zusammenfassend über das Vorstadium der Hitlerei zum Ausdruck bringt. Er schreibt: „Nicht seine Fähigkeit trägt ihn nach oben, sondern die Unfähigkeit der anderen, die Unfähigkeit der Regierenden, aus eigener Kraft das Schicksal zu wenden oder vom Ausland eine Erleichterung der Lage zu erlangen.“

Würde Herr Schacht hinter dem Wort „Regierenden“ hinzugefügt haben „besonders des Reichsbankpräsidenten“, dann wäre die Situation hinreichend gekennzeichnet. Diese Selbstkritik bringt Herr Schacht allerdings nicht auf, ebensowenig, wie er sie früher aufgebracht hat. Man könnte darüber hinwegsehen, wenn nicht auch heute wieder von einem gewissen Kreis des Bürgertums Herr Schacht als das große Finanzgenie angesehen wird, von dem die Rettung kommen – soll. Aus diesem Grunde darf der obige Satz nicht unwidersprochen hingenommen werden. Herr Schacht trieb vor Hitler als Reichsbankpräsident bewußt eine Finanzpolitik, die zu einer Katastrophe führen sollte, damit in deren Strudel die Reparationen mitsamt der Republik verschlungen würden. Er verweigerte beharrlich allen Städten und Gemeinden die Auslandskredite zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Er konnte das, weil der Reparationsagent verfügt hatte, daß eine Reichsregierung nur Anleihen aufnehmen konnte, wenn Herr Schacht zuvor zustimmt.

Damit wurde die Gouvernante Schacht zum bösen Geist in der Politik vor Hitler. Ich verweise hier nur auf sein Finanzmemorandum von 1930; dieses Dokument ist der erste große Beitrag zur deutschen Katastrophe. Schacht begab sich als Reichsbankpräsident in die große Politik. Er war mit dabei in Harzburg und richtete hier als früheres Mitglied der Demokraten unter dem Beifall der Abgesandten der Deutschnationalen, des Stahlhelms, der Nazis, der Industrieherren und der alten kaiserlichen Generale seine demagogischen Angriffe gegen die Republik und vor allem gegen deren Währung.

In den drei folgenden Jahren bis 1933 hat er alle Bemühungen zur Überwindung der Krise sabotiert. Er lehnte Anleihen ab, schrie immer nach neuen Steuern und Etatskürzungen, weil er wußte, daß damit die Wirtschaftskrise und mit ihr die Not auf das Höchste zu steigern war.

Als dann sein vielgepriesener Führer an das Ruder kam, warf er das Steuer herum. Plötzlich konnte er Milliarden für Arbeitsbeschaffung bereitstellen und besorgte auch das erste Milliardenbündel für die Aufrüstung. Er wurde dabei der bestbezahlte Mann in Deutschland.