Von Johann Jakob Häßlin

Wörter gehen oft schneller über die Grenzen als die Menschen, aus deren Sprache sie stammen, und seitdem es den Rundfunk gibt, hat diese „Wanderung“ noch zugenommen! Sehr stark haben natürlich schon immer die Kriege solches Eindringen der Fremdworte in ein anderes Land gefördert, denn da pflegte der Kontakt mit dem Fremden „inniger“ zu werden – manchmal freilich auf höchst unerwünschte Weise. Der Leutnant, der Sergeant, der Kürassier, die Artillerie sind auf diese Weise ins Deutsche geraten, und wir haben den Franzosen dafür den ,,lancequenet“ (Landsknecht) und später im Dreißigjährigen Krieg den fürchterlichen „reitre“ beschert. Anders die liebenswürdigen Österreicher: Sie haben das Vokabular der Italiener um die „gnocchi“ (Knödel), um „würstel con crauti“ und um „crapfen“ bereichert – und nicht nur das Vokabular, sondern auch die Küche. Die Franzosen aber verdanken den Italienern ihre „pantalons“, wenn auch auf den vertracktesten Umwegen: Pantaleon war einer der Nationalheiligen der Venezianer; er stammt aus Byzanz – und von dort her brachte Theophanu, die Gattin Ottos des Zweiten, einige seiner Cimeben auch nach Köln, woselbst sie das Pantaleonskloster gründete; immerhin, die Venezianer betrachteten ihn so sehr als einen der ihrigen und führten ihn so oft im Munde, daß sie auf der terra ferma bald als „pantaloni“ bezeichnet wurden. Dieser Name übertrug sich auch auf eine Figur der commedia dell’arte, einen langen, hageren Kerl in rotem Gewand mit breiten Hosen und einem schwarzen Mantel, der venezianisch sprach und ebenso wie Arlechino, Sganarello, Mezettino und Colombina mit den italienischen Schauspielertruppen auch nach Paris kam. Die Pariser aber kannten die sonderbaren Beinkleider dieses komischen Alten nicht – solche langen Hosen gehörten zur Tracht der Lagunenfischer, und in Paris wird nicht gefischt, sondern nur geangelt –, und sie übertrugen deshalb den Namen der Figur auf ihr auffallendstes Bekleidungsstück, eben diese langen weiten Hosen, die ,,pantalons“. Woraus man ersieht, daß Fremdwörter manchmal auf Umwegen reisen.

Wenn aber die Kölner von „Fisematentchen“ und von „Baselemanes“ sprechen, so sind daran die burgundischen Edelleute und die Spanier schuld. Man weiß, daß Karl der Kühne sehr lange die Stadt Neuß belagern mußte – vergeblich übrigens; seine Ritter machten sich aus Langeweile gegenseitig Besuch in ihren Zelten, und wenn sich der Gast verabschiedete, so forderte er den Gastgeber höflich auf:„Visitez mes tentes,“ – „Besuchen Sie meine Zelte“ –, und das ging nicht ohne umständliches und feierliches Zeremoniell ab. Umstände machen, das eben heißt „Fisematentchen machen“, und dieselbe bedeutung haben die „Baselemanes“: Vos baso los manos (Ich küsse Ihre Hand) ist die spanische Höflichkeitsfloskel, sozusagen das „hochachtungsvoll ergebenst“ der spanischen Soldaten, die im siebzehnten Jahrhundert mit Köln in Berührung kamen.

Wo sind die Zeiten geblieben, da die Kriege solch höfliche Spuren in der fremden Sprache zuückließen? Heute haben die Engländer ihren ‚Blitz“ im Wortschatz – aber es ist nicht der himmlische Blitz mit dem Donner seiner Wolken und dem fruchtbaren Regen, sondern der Blitz, mit dem die deutschen Bombengeschwader London zu verwüsten versuchten und Coventry und Canterbury und Bath ...

Auch „schlague“ ist ein solches Wort, das ins Ausland ging. Es stammt aus der Zeit, als die Prügelstrafe in den deutschen Heeren – nicht nur in den preußischen – noch üblich war; Wilhelm von Kügelgen erzählt davon in den Jugenderinnerungen eines alten Mannes: „Nun aber (1809) rückte österreichische Landwehr ein (in Dresden), schmuckloses und vierschrötiges Volk in grauen Waffenröcken und grüne Zweige an den Mützen. Diese Leute exerzierten Tag für Tag vor unseren Fenstern, und ich trieb mich gern unter ihnen herum, indem ich mich besonders für einen einzelnen interessierte, der eigentlich gar nicht zu ihnen gehörte und seiner Kompanie als ein recht unverdauter Bissen im Magen liegen mochte. Dieser Mensch war ein richtiger Franzose, der als Kriegsgefangener den österreichischen Fahnen nur gezwungen folgte. Er saß gewöhnlich allein für sich auf einer der Bänke unter den landen; trug den Arm in der Binde und sah entsetzlich elend aus. Und da wir Zeugen von der Art und Weise wurden, mit der die österreichischen Unteroffiziere ihre Leute behandelten, bemerkte er: „Caporal francais, sie ist öflik, aber Autrichien viel große Stock“. In der Tat war es wohl anerkennenswert, mit welcher Geduld die damaligen Franzosen ihre Rekruten übten, was wir später im Jahre dreizehn, da in Dresden viel junge Mannschaft lag, oft zu bedachten Gelegenheit hatten, und an so anständige Behandlung gewöhnt, mochte jener arme Kerl sich allerdings in deutschen Händen nicht zum wohlsten fühlen. Ich erzählte meiner Mutter von ihm und ward durch sie in den Stand gesetzt, ihm zuweilen etwas Geld und Nahrung zuzustecken, wodurch er so gerührt ward, daß er im Eifer seines Dankes den wenigen deutschen Worten, die er kannte, vollends den Hals brach.“

Damals kam das Wort „Schlague“ aus Deutschland nach Frankreich. Einige Jahrzehnte später wird es noch von Paul Louis Courier mit Ingrimm erwähnt, aber im Soldatenjargon starb es in jener Zeit schon aus. Scharnhorst hatte wohl nicht nur den Preußen endlich die Freiheit des Rückens erobert. Heute lebt das Wort nur noch im Pariser Argot, und wir wollen hoffen, daß es sich nicht wieder von neuem verbreitet, und sei es nur dadurch, daß deutsche Pädagogen sich immer noch nicht entschließen können, die Prügelstrafe in den Schulen abzuschaffen, obwohl sie sich doch von der weisen Mahnung des Walther von der Vogelweide leiten lassen sollen: „Niemen kann mit gerten kindes zucht beheerten.“

Einmal hat Jacob Burckhardt gemeint: „Eine gründliche, mit psychologischem Geiste gearbeitete Geschichte des Prügelns bei den germanischen und romanischen Völkern wäre wöhl soviel wert, als ein paar Bände Depeschen und Unterhandlungen, das heißt, sie gäbe mehr Auskunft über den Charakter der Zeit, als die diplomatischen Akten –.“ Wann und durch welchen Einfluß ist das Prügeln in der deutschen Familie zu einem alltäglichen Gebrauch geworden? Zu Walthers Zeiten scheint es nicht üblich gewesen zu sein, und auch später noch lange nicht. „In Italien“, sofährt der kluge Mann von St. Alban fort, „hört das Schlagen ziemlich früh auf: Ein siebenjähriges Kind bekommt keine Schläge mehr. Der kleine Roland (Orlandino) stellt das Prinzip auf: