Eine Woche religiöser Musik in Essen

In Essen fand eine Woche mit alter und neuer religiöser Musik statt, die im Jahr des Dom-Jubiläums vom Katholikenausschuß der Stadt Essen veranstaltet worden war und unter dem Protektorat des Kölner Kardinals Dr. Frings stand. Diese Musikwoche hatte weder etwas vom „Betrieb“ üblicher Musikfeste an sich, noch war sie nach billigem Maß und geringen Ansprüchen zurechtgemacht. Die Darbietungen der alten geistlichen Musik spielten sich durchweg im Raum der Kirche ab. Hier erlebte man die Fülle und Klarheit jener herrlichen Kunst einer bedeutsamen Zeitenwende in prachtvoll stilreinen Gesängen, Motetten, Hymnen und den in der Gregorianik verankerten Proprium-Gesängen der kirchlichen Handlung, man erlebte die Schönheit und den Entwicklungsgang der ars nova des 14. und 15. Jahrhunderts in den großen Messekompositionen jener Epoche: die zum Teil noch zur ars antiqua zählende Tournaier Messe, die bedeutsame Reimser Krönungsmesse (1367) von Guilleaume de Machaut, die für die selbständige Bildung der Diskantstimmen bezeichnende Messe „O rosa bella“ des Engländers John Dunstable und schließlich die schon auf die große Kunst der Niederländer hinweisende sogenannte Cambrai-Messe von Guilleaume Dufay. Für die Wiedergabe standen den selten zu hörenden Werken in dem Frauenchor und der Choralschola der Essener Klosterkirche BMV. sowie dem Madrigalchor Velbert, für die instrumentale Begleitung und Solodarstellung im Krefelder Collegium musicum und in der Fiedelgruppe mit den originellen gotischen Instrumenten geradezu ideale Interpreten zur Verfügung. Hier wurden die ältesten Beispiele mehrstimmiger abendländischer Musik in einer Weise vermittelt, wie sie nur der unverfälschte Geist christlichen Gemeinschaftsbewußtseins eingibt, über den am Beginn der Woche Dr. Walter Dirks (Frankfurt) in einem eindringlichen Vortrag gesprochen hatte.

Die Hälfte des Programms der Woche war von moderner Musik ausgefüllt. Auch das war – mit der Absicht, die innere Verwandtschaft zwischen ältester und neuester Musik aufzudecken – verdienstvoll und zeigte in der Wahl der gebotenen Werke eine mutige Haltung der Veranstalter. Die religiösen Impulse der modernen Kammermusik waren bei den rein instrumentalen Werken natürlich nicht so leicht erkennbar. Doch wurden sie in der herrlich fließenden fünfsätzigen Sonate für zwei Klaviere, die Paul Hindemith auf ein altes englisches geistliches Gedicht (1942) geschrieben hat, wie auch etwa in dem „Pfingstmusik“ benannten Quartett (Violine, Viola, Flöte, Klavier) des im letzten Krieg gefallenen Paderborners Hans Humpert spürbar, weniger allerdings in einem früheren Streichquartett Nr. VII, einer technisch glänzend gemachten, klanglich überraschenden Arbeit von Darius Milhaud. Das Quartett des jungfranzösischen Komponisten Olivier Messiaen (für Violine, Klarinette, Cello, Klavier) mit der Bezeichnung „für das Ende der Zeit“ will in seiner weltanschaulichen Manifestation (als bewußt katholische Musik) und in seiner musikalisch auf primitive Elemente gestützten Tendenz mehr sein, als der verdutzte Hörer daraus entnehmen kann. Die empfindsamen A-cappella-Partien und die durch ein großes Aufgebot an Schlagzeugen unterstützten hämmernden Rhythmen der sechs geistlichen und profanen Gesänge, die Carl Orff auf Werfelsche Lyrik geschrieben hat, verrieten deutlich die Eigenart und Wirksamkeit des Carmina-buara-Komponisten. Starken Eindruck hinterließen zwölf geistliche Gesänge aus dem Liederbuch Paul Gerhardts von Ernst Pepping (Ellen Bosenius, Julius Jüllich, Gustav König). Sympathisch fügten sich in das Programm eine schöne Bläser-Partita auf ein Erntedanklied und drei geistliche Gesänge für eine Singstimme mit Holzbläser Begleitung von dem Essener Siegfried Reda ein. Im ganzen war das künstlerische Ergebnis der modernen Konzerte – durch das heimische Folkwang-Quartett und Instrumentalisten sowie tüchtige Schülerkräfte der Folkwangschule geboten – sehr erfreulich. Als Beitrag der Essener Städtischen Bühnen krönte eine Sonderaufführung des szenischen Oratoriums „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ von Arthur Honegger die anregenden Eindrücke.

Zu einer der Messe-Aufführungen war der Protektor Kardinal Dr. Frings herübergekommen. Er nahm die Gelegenheit wahr, vom Altar her zu der Menge der Gläubigen zu sprechen über die Tatsache, daß die Abhaltung einer solchen Muvollziehe, sich auf altem musikalischem Boden vollziehe, weil von Essen und Werden die frühesten Anregungen der abendländischen geistlichen Musik ausgegangen seien, und er wies darauf hin, daß ein seelischer Wiederaufbau ohne ein Solidaritätsgefühl in christlichem Geiste nicht möglich sei.

Nochmals sammelte der Abschluß der Woche Sänger und Spieler in der Werdener Abteikirche zum Vortrag zeitgenössischer Orgel- und Vokalmusik von Hindemith, Humpert, Distler, Reda, Orff und Roevenstrunk und zum Bekenntnis neuen Musikschaffens, wie es eine päpstliche Enzyklika „Mediator dei“ vom 20. November 1947 auch für das Wirken der Kirche eingesetzt wissen will. Hans Georg Fellmann