Die verzweifelte Lage der Regierung in Nanking kam deutlich in der betont ernsten, fast düsteren Ansprache zum Ausdruck, die Tschiangkaischek soeben anläßlich des chinesischen Nationalfeiertages gehalten hat Die Hauptstadt der Provinz Schantung war kurz zuvor von den Kommunisten erobert worden, deren Vormarsch jetzt die Hafenstadt Tsingtau bedroht, wo die Amerikaner ausgedehnte Anlagen und auch eine Garnison unterhalten, die sich demnächst darüber klarwerden muß, ob sie die Übergabe, vollziehen oder sich in den Bürgerkrieg einmischen will Auch Tschangtschun, die ehemalige Hauptstadt der Mandschurei, hat kapituliert, Und der Belagerungsring um Mukden wird immer enger. Das Prestige Tschiangkaischeks hat in den letzter. Jahren sehr abgenommen, und die Opposition gegen ihn auch in den Reihen der Kuomintang ist im Wachsen begriffen.

Nachdem der Bevölkerung bisher die Niederwerfung des Kommunismus meist als unmittelbar bevorstehend verheißen wurde, hat der Präsident jetzt zum erstenmal von einem „langen Bürgerkrieg“ gesprochen.

Alle Berichte aus China stimmen in letzter Zeit darin überein, daß die große Mehrheit des Volke; weder für den Kommunismus noch bereit ist sich länger für das Regime Tschiangkaischeks einzusetzen. Im nationalistischen China hat sich während der letzten beiden Jahre allmählich eine gewisse Opposition gegen den Bürgerkrieg gebildet; man könnte sie zunächst fast als eine lockere dritte Front ansprechen. Diese dritte Front ist im Sachsen, sie bildet den Keim zu einer neuen Revolution und ist der Anlaß für den Abfall einer weiteren Gruppe von der Kuomintang. Die Opposition begann ursprünglich – etwa im Jahr 1946 – in der studentischen Jugend des nationalistischen Chinas; sie richtete.sich hauptsächlich gegen die Kriegführung Tschiangkaischeks. Zwar hat Tschiang damals sofort eine brutale Verfolgungskampagne entfesselt, die von der Geheimpolizei unter dem Befehl seines Schwagers T. V. Soong durchgeführt wurde, aber es gelang ihm trotz aller Brutalität der Methoden nicht, die junge Bewegung im Keim zu ersticken.

Im letzten Jahr hat sich nun eine-weitere Widerstandsgruppe herausgebildet, sie nennt sich „Revolutionäres Komitee der Kuomintang“ und wird von Marschall Li Schi Sen geführt, dem ehemaligen Vorsitzenden der Kuomintang. Li Schi Sen hat kürzlich von Britisch-Hongkong aus, wohin er und seine Anhänger emigriert sind, die „Mißwirtschaft“ Tschiangkaischeks auf das schärfste angegriffen. Seine Absicht ist es, von Hongkong aus die zahlreichen Splittergruppen einer liberalen Bewegung im nationalistischen China zu sammeln und zu einer festen Front gegen Tschiang zu vereinen.

Eine dritte Richtung rekrutiert sich aus einflußreichen Politikern, Wissenschaftlern und Offizieren des nationalistischen Chinas, aus Männern, die nicht in offener Opposition – gegen Tschiangkaischek stehen, von denen man aber weiß, daß sie das öffentliche Interesse über den Machtkampf stellen, der im – Jahr 1926 zwischen den beiden extremen Lagern, den Kommunisten und Nationalisten, entbrannt ist, die sich beide auf den großen Revolutionär Sun Yat Sen berufen. Die bekanntesten Persönlichkeiten dieser Gruppe sind der Außenminister Wang Schi Tschi, der Verkehrsminister Yu Tai Wei, der Finanzminister Wang Yuen Wu, der Handelsminister Chen Chi Tien und General Li Tsung Yan, der Vizepräsident.

Alle drei Gruppen vertreten durchaus verschiedene Richtungen, aber alle sind sie für den Frieden. Auf die Frage, wie dieser Frieden zustande kommen soll, hat allerdings bis jetzt nur die im Exil in Hongkong lebende Gruppe Li Schi Sens eine politische Antwort gefunden. Das „Revolutionäre Komitee der Kuomintang“ bemüht sich nämlich um eine Verständigung zwischen den Nationalisten und Kommunisten und will auf diese Weise versuchen, eine Beilegung des Konflikts und eine Koalitionsregierung zustande zu bringen, an der die Kommunisten mitbeteiligt werden sollen. Li Schi Sen weiß aber, daß die Kommunisten keine Verhandlungen mit Tschiangkaischek eingehen werden, und verlangt daher dessen Rücktritt. Die Kommunisten wiederum haben in letzter Zeit durchblicken lassen, daß sie unter der Voraussetzung einer Beteiligung an der neu zu bildenden altchinesischen Regierung bereit sind, Friedensverhandlungen aufzunehmen; Ihre Agenten in Hongkong stehen in ständiger Fühlung mit Li Schi Sen.

Für Tschiangkaischek sieht die Situation ganz anders aus. Der Bürgerkrieg in China ist für ihn ein Machtkampf zwischen zwei Extremen, und Tschiang weiß, daß in jedem Falle, ob er freiwillig von der Macht zurücktreten oder militärisch unterliegen würde, sein Schicksal und das „einer Anhänger besiegelt ist. Es ist daher nicht damit zu rechnen, daß Tschiangkaischek weichen wird, solange er sich noch auf die ihm ergebene Armee stützen kann, mit deren Hilfe er gegenwärtig regiert. Genau umgekehrt stehen die Chancen der Kommunisten. Während die Nationalisten in der Verteidigung sind, stehen die Kommunisten nicht nur militärisch, sondern auch politisch in der Offensive. Die nationalistische Armee entpuppt sich immer – mehr als eine persönliche Kampfgruppe des Generalissimus, je weiter, die politische Zersetzung im nationalistischen China und innerhalb der Kuomintang fortschreitet. Ein Rücktritt Tschiangkaischeks würde daher einen Zerfall der nationalistischen Armee zur Folge haben, wodurch die komnistische Armee als einziges – Machtinstrumentin China übrigbleiben, würde. Für die Kommunisten wäre also ein Friedensschluß mit dem Rücktritt Tschiangkaischeks so gut wie ein totaler Sieg, denn jede Koalitionsregierung, wie sie auch aussehen möge, würde sich, auf die kommunistische Armee stützen müssen, deren Offizierkorps fanatisch für die kommunistische Sache einstellt. Es wäre also nach einem. „Friedensschluß“ und der Bildung einer Koalition ein Leichtes, in China das zu wiederholen, was sich im letzten Jahr in der Tschechoslowakei abgespielt hat.

H. K. Zschaeck