Uns wird geschrieben!

Deutschland wird sich bei der Einfuhr von Rohstoffen auf diejenigen beschränken müssen, die im Inland nicht vorhanden sind und auch nicht erzeugt werden können, aber zur Aufrechterhaltung der industriellen Produktion unentbehrlich sind. Zwangsläufig ergibt sich hieraus die Forderung, daß alles das, was im Inland erzeugt werden kann, auch produziert werden muß. Zu den Industrien, die unter diesem Gar sichtspunkt wichtige Aufgaben zu erfüllen haben, gehören die Fischer-Tropsch-Anlagen.

Im Ruhrgebiet befinden sich sechs Werke dieser Art. Sie sind in den Jahren 1935/39 errichtet worden. Infolge der Kriegsereignisse mußten alle Werke stillgelegt werden. Hiervon sind zwei Anlagen seit Frühjahr 1947 wieder in Betrieb und eine dritte, Bergkamen, hat kürzlich die Fabrikationsgenehmigung erhalten. Diese drei Anlagen können 150 000 Jahrestonnen Primärprodukte erzeugen. Die Kapazität der noch stillliegenden Werke ist etwa ebenso groß.

Von den vielen Verwendungszwecken der Fischer-Tropsch-Produkte ist für uns zur Zeit der nur Herstellung von Waschrohstoffen der wichtigste; denn die Waschmittelversorgung der deutschen Bevölkerung ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Vor dem zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland 3,5 kg Fettsäure je Kopf der Bevölkerung für Waschmittel verbraucht. Heute beträgt die von den Besatzungsmächten zugelassene Menge etwa ein Zehntel hiervon, wobei aber zu bemerken ist, daß auch diese geringe Menge aus Mangel an Rohstoffen in letzter Zeit nicht mehr hergestellt werden konnte.

Drei Werke dürfen nun produzieren, und die Fischer-Tropsch-Anlagen sind auch nicht in der im Oktober 1947 veröffentlichten Demontageliste enthalten. Die Anlagen werden jedoch von den Besatzungsmächten zu den „verbotenen Industrien“ gezählt. Vom Standpunktder Kohlechemie ist hierzu zu sagen, daß die Fischer-Tropsch-Werke für Deutschland keinerlei Kriegspotential darstellen. Sollten die Anlagen als „verboten“ demontiert werden, so könnte man nur mutmaßen, daß hierfür in erster Linie Konkurrenzgründe maßgebend sind. Eine derartige Entscheidung würde mit den Zielen des Marshall-Plans unvereinbar sein.

In den USA werden zur Zeit weitere Synthese-Anlagen nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren errichtet, bei deren Konstruktion die Amerikaner in großem Umfang die Erfahrungen benutzen, die in Deutschland in den vergangenen fünfzehn Jahren auf diesem Gebiet gemacht worden sind. Es ist nicht einzusehen, daß eine friedlichen Zwecken dienende Wirtschaft in einem Land – das zudem noch dringend darauf angewiesen ist – beschränkt wird, um sie in einem anderen Land in großem Umfang auszubauen.

Die deutsche Kohlechemie wird daher nicht aufhören zu fordern, daß die Fischer-Tropsch-Werke des Ruhrgebiets nicht nur erhalten bleiben, sondern daß auch die drei noch stillliegenden Anlagen wieder in Betrieb genommen werden. Von den Besatzungmächten wird, gelegentlich der Vorwurf erhoben, daß deutscherseits nicht die erforderliche Initiative zur Ingangsetzung der Industrie entfaltet worden sei. Dieser Vorwurf ist jedoch für die Fischer-Tropsch-Werke nicht zutreffend. Sie haben seit dem Zusammenbruch aus eigener Initiative große Mittel für den Wiederaufbau der teilweise beschädigten Anlagen aufgewandt und waren dabei von der Hoffnung getragen, daß sie eines Tages wieder die Produktionsgenehmigung erhalten würden; denn welchem Kaufmann kann man zumuten, Kapital in ein Unternehmen zu investieren, von dem nicht sicher ist, daß es arbeiten darf? Die Kohlechemie hat nun zum Teil investiert und hofft daher sehnlichst, daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Fischer-Tropsch-Werke für die deutsche Wirtschaft sich allmählich auch bei den Besatzungsmächten durchsetzen wird. egs.