Von G. W. Bramm

Soeben wurde Irwin Patrick Fitzgerald nach den Vereinigten Staaten zurückgeschickt. Er trug Zivil, denn er hatte seine Uniform verloren. Er hatte fast alles verloren während der drei Jahre, die er als Soldat auf europäischem Boden verbracht hatte ... Aber aus der Tasche zog er eine flache, ein wenig. gewölbte Trinkflasche aus silbrig glänzendem Metall: die war noch sein Eigentum. Schon sein Vater, der Farmer Owen Patrick Fitzgerald, hatte sie einmal während der Zeit der Prohibition gekauft. Irwin Patrick Fitzgerald führte die Flasche an den Mund, leerte sie mit kräftigen Zügen, schüttelte sich ein wenig, zuckte die Schultern und sagte zu dem Sergeanten: „Das war Europa!“

Dies aber ist die Geschichte, wie Irwin Patrick sie mir erzählt hat, als er mich in der kleinen hessischen Stadt bat, einen polnischen Brief an seine Geliebte in einem Flüchtlingslager bei Radom zu schreiben. Es ist die Geschichte, die davon spricht, daß die Leiden des menschlichen Herzens unabhängig von Sieg oder gar Ruhm der Nationen sind und daß der Schmerz zwischen den großen Worten der Politik und der Weltanschauung seine eigenen Wege geht.

Als der junge irische Amerikaner durch Amsterdam fuhr, hatte der Motor-seines Wagens Mucken. Er mußte in einem Vororte halten, und da sah er vor einem zerfallenen Hause einen kleinen Jungen von etwa neun Jahren sitzen, dem langsam die Tränen über das Gesicht rieften. Irwin Patrick fragte den Knaben: „Warum weinst du?“ und zog ein Täfelchen Schokolade aus der Tasche, wie es viele seiner Kameraden getan hatten, wenn sie nun in Europa die weinenden Kinder sahen. Der Junge schüttelte den Kopf, sah den amerikanischen Soldaten aus ängstlichen Augen an und blieb in dieser trostlosen Haltung sitzen, wie sie nur Kinder haben können, die von allem verlassen sind. „Wie heißt du?“ fragte Irwin Patrick. Der Knabe gab keine Antwort. Und das trostlose Schweigen wirkte so, daß Irwin Patrick den Jungen hochhob und auf den leeren Platz in seinen Wagen setzte. Dieser kleine Junge begleitete nun den amerikanischen Soldaten auf seinen weiten Fahrten durch Europa, durch Holland und durch Deutschland bis nach Hessen, wo auf dem Marktplatz einer kleinen Stadt plötzlich ein junges weibliches Wesen herantrat, dem Jungen über das Haar streichelte und lächelnd etwas auf Polnisch sagte...

Fitzgerald verstand kein Wort Polnisch und die junge Frau, oder was sie sein mochte, konnte kein Wort des Amerikaners verstehen. Aber sie war sehr hübsch und sehr hilfsbedürftig, und die Sprache der Hilfsbedürftigkeit hatte Irwin Patrick von Jugend auf verstanden. Sie wurde seine Freundin ohne viel Worte. Sie war anschmiegsam, ihre Augen leuchteten, wenn der junge Amerikaner, die Taschen voll Schokolade, Zigaretten und Kaffee, in das dürftige Zimmer trat. Und den holländischen Jungen liebten beide.

Als Irwin Patrick von einem Auftrag, der ihn weit hinein ins Bayerische geführt hatte, zurückkam, war ihr Zimmer, leer. Schließlich bekam er von den mürrischen Wirtsleuten, bei denen der holländische Knabe geblieben war, nach vielen Fragen die Auskunft, die junge Frau sei mit einem Transport wieder in ihre Heimat zurückgebracht worden. Es gelang ihm sogar, das Lager ausfindig zu machen, in dem sie zunächst untergebracht worden war, fern bei Radom. Und da er einen Dolmetscher gegen Rauchwaren suchte, wurde ich mit ihm bekannt und übersetzte ihm die rührenden und sehnsuchtsvollen Liebesbriefe für die ferne Geliebte da irgendwo in Polen. Bei dieser Gelegenheit sah ich aus ihren Antwort-Briefen bald, daß sie weiter gar kein Interesse hatte, als Pakete mit Lebensmitteln zu erhalten und daß ihr die zärtlichen Worte ihres Freundes sehr wenig bedeuteten. „Ich glaube, Sie haben schlecht übersetzt“, sagte Irwin Patrick. „Das kann nicht alles sein!“ Er konnte sich nicht vorstdien, daß der Unterschied zwischen der Sprache der Augen und dem Ausdruck der Feder so groß sein sollte. Er suchte nach einer anderen Vermittlung, und da diese wohl auch kaum zu einem anderen Resultat führte, stellte er Nachforschungen an. Es ergab sich nun, daß die Polin da in dem Lager hinter der Weichsel bereits aus einer früheren, sehr losen Beziehung ein Kind hatte, das fast so alt war wie der kleine Holländer. Es ergab sich, daß sie im Lager schon wieder neue Beziehungen geknüpft hatte, weil ihr die Pakete von Irwin Patrick nicht schnell genug und zu selten kamen. Er aber hatte inzwischen an seinen Vater geschrieben, und ihn um die Einwilligung zur Heirat gebeten. Der fromme irische Katholik war einverstanden gewesen.

Gerade als dieser Bescheid an dem Standort von Irwin Patrick eintraf, erhielt Mich ich einen Brief aus Polen, den die Freundin dort wohl noch an die alte Adresse geschickt hatte, weil sie, wie sie sehr entrüstet schrieb, lange keine Nachricht und keine Pakete- bekommen hatte. Der Brief enthielt nur bittere Vorwürfe und die Drohung, daß sie sich schon mit einem anderen zu trösten wisse. Er schloß mit dem Satz: „So seid ihr Amerikaner!“