Von Heino Landrock

Wenn es des Abends im Tiergarten dämmert, steige ich auf den Felsen, der inmitten des weiten Parks liegt, und horche in die Gehege hinab. Ich kenne sie alle, die Hirsche und Panther, Affen, Kamele und Vögel und leicht fällt es mir, sie vor mir zu sehen, auch wenn ich sie nur höre.

Die milden Zeburinder drängen sich jetzt zu einer Herde zusammen und warten in scheuer Bereitschaft auf den Wärter; der Schimpanse klettert voller Unruhe im Käfig umher und verfolgt neugierig die Schritte der letzten Besucher. Während der Wisentbulle wie ein Waldungeheuer im Schatten der großen Kastanie ruht, orgelt und schreit im hinteren Teile des Gartens der Hirsch; aber vergebens horcht er auf die Antwort eines Gegners.

Fröhlich begrüßen die Enten die hereinbrechende Nacht, munteres Schnattern steigt aus der Dunkelheit des Teiches auf. Sie tauchen und schlagen mit den Flügeln, reihen sich und verlassen das Wasser im sausenden Flug. Jetzt sehe ich sie als schwarze Pfeile vor dem Abendhimmel steuern, und eine Weile später höre ich sie ins Wasser zurückgleiten.

Unter mir in der Schlucht weiß ich die Löwen in ihrem Zwinger; sie ruhen von der Mahlzeit aus, die Katzenaugen glühen in der Finsternis ihres; Käfigs. Die Elefanten aber mahlen noch voller Behagen ihr Heu und tasten mit den Rüsseln nach links und rechts, ob nicht der Nachbar von ihrem Vorrat stiehlt.

Ja, da atmen und seufzen sie, die Geschöpfe aus allen Zonen der Erde, die hier eine Heimstatt, fanden, nachdem sie der Mensch ihrer Freiheit beraubt hatte. Wohl sind wir Freunde miteinander, aber was weiß ich eigentlich von ihnen?

Wenn die Nacht hereinbricht – ich höre es am Ruf der Hyäne – steige ich schnell Von dem Felsen hinab und suche die Nähe von Mensch und Tier.