Die Städtischen Bühnen, Kiel, brachten die „Perser“ des Äschylos in einer neuen Nachdichtung von Ernst Drolinvaux mit außerodentlichem Erfolge zur Aufführung.

Die „Perser“ des Äschylos, geschrieben aus der Distanz des großen und echten Dramatikers, ragen mit brennender Aktualität in unsere Gegenwart hinein. Gehetzt, verstört, in Lumpen gehüllt, kehrt der Frevler Xerxes, König und Feldherr der Perser, der, besessen vom Dämon der Machtgier, eine Welt erobern wollte, heim zu seinem anklagenden, wehklagenden Volk, Ein bestrafter Schuldiger. Aber ein Schuldiger, der vom Blitz der Erkenntnis seiner Schuld getroffen wird. Äschylos durchschreitet hier alle Abgründe des menschlichen Leides in einem geschlagenen Volk. In der tiefsten Erschütterung findet der Mensch wieder die Bindung an die waltenden Mächte, die er in der Hybris seiner gottentfremdeten Machtgier verkannte und mißachtete.

In Kiel spielt man keine der überkommenen Philologen-Übersetzungen, sondern die Nachdichtung des jungen Autors Ernst Drolinvaux. Keine gewaltsam „aktualisierende“ Umdichtung. Die Sprache ist weder glatt noch geschmeidig, auch nicht erklügelt, sondern leidenschaftlich. Sie bewahrt genug dichterische Fülle, um die gewaltige Architektur des Dramas tragen zu können. Diese Nachdichtung ist eine Tat und von gültiger Form für das heutige Theater.

Mit dem „Perser“ stellte Gustav-Rudolf Sellner seine zweite Kieler Inszenierung zur Diskussion. In der „Zauberflöte“ hatte er eine Idee in Szene gesetzt, vom Klang her zum symbolischen Bild gestrebt. Hier instrumentiert er die dunkle, tragische Grundmelodie des Äschylos und reißt szenische Visionen der Dichtung auf. Er arbeitet mit einer archaischen Architektur (Franz Mertz) und den optischen Mitteln subtiler Lichtwirkungen, wodurch alle Möglichkeiten der kleinen Bühne virtuos ausgenutzt werden. Die szenische Gliederung hat bei aller Bewegtheit Maß und Form. Alles ist auf das Wort gestellt. Die Chöre sind aufgeteilt in Unisono- und Einzelsprecher. Was Sellner aus dem Wort, aus den gegliederten chorischen Bewegungen herausholt, ist außerordentlich! es ist die Verschmelzung des modernen Gefühls mit der Strenge der Antike.

So wird diese Äschylos-Inszenierung zu den bedeutenden Ereignissen des deutschen Theaters in der Nachkriegszeit gehören. Sie kann vorbildlich sein für das antike Drama auf dem deutschen Theater.

Hervorragende Sprecher standen Sellner zur Verfügung: Tilli Breitenbach, Ernst Dietz, Gerd Fürstenau, Horst Gnekow, Gerhardt Mittelhaus. Der Eindruck war ungeheuer stark. Noch lange, nachdem der Vorhang gefallen war, saßen die Zuschauer schweigend und gebannt.

Franz Götke