Der Winter wird hart werden, aber wir werden im bezwingen“, so heißt es in allen Erklärungen, die in diesen Tagen in Berlin von den verantwortlichen Gouverneuren der Westmächte an die Bevölkerung ausgegeben werden Das klingt wohlbekannt, Ein gleiches Durchhalteprogramm, freilich noch schärfer formuliert, war der schon brennenden Stadt von den Endsiegstrategen Hitlers immer wieder vorgetragen worden, und da die Skepsis in Berlin zu Hause ist, beruhigt sich gerade das Berliner Naturell nicht leicht mit solchen Bekundungen, ob sie nun von den Vertretern der westlichen Mächte oder den demokratischen Politikern Berlins ausgesprochen werden. Doch wenn solche Ermunterungen auch nicht mit Jubel aufgenommen werden, so ist doch die Einsicht vorhanden, daß die Zusicherungen von damals sträfliche Selbstsuggestion, die von heute aber Ergebnisse überlegter Politik sind.

Dies kennzeichnet die Situation der Stadt Berlin Ende Oktober: für Anfang November wurden den Berlinern der drei Westsektoren erhöhte Lebensmittelrationen zugesagt, Rationen, die kein Kalorienbluff sind wie die ostzonale „Erhönung“, sondern echte Vermehrungen des Fett-, und Zuckerkontingentes. Sie werde ein bitter notwendiger Ersatzstoff sein müssen für die im ganzen ausbleibende Kohle- und Brennstoffzufuhr. Sie werden beide gewiß nicht voll ersetzen können, aber sie werden doch Hilfe bringen. Die russische Blockademacht hat geradezu hektisch hierauf reagiert Während die russisch lizenzierten Zeitungen dieser bedeutendsten Winterhilfe für Berlin erst Tage später ein verschämtes Wort der Mißachtung widmeten, wurde der gesamte – Apparat der Ostzonenpolizei und der sowjetischen Militärpolizei mobilisiert um die drei Westsektoren hermetisch und brutal von jeglicher Umwelt abzuschließen. Die Jagd auf jede Frischkartoffel, die den Weg in die Berliner Westsektoren nehmen könnte, beschäftigt eine Armee von vielen tausend Ostpolizisten und Rotgardisten, Plötzlich wird wieder einmal sowjetamtlich entdeckt, daß ganz Berlin und von dort über die Luftbrücke sogar Westdeutschland die Ostzone ausbeutet und aushöhlt. Und diese Entdeckung wird gemacht, nachdem die Fett- und Zuckerrationen für den größten Teil der Berliner Bevölkerung auf dem Luftwege um etwa 200 v. H. erhöht werden soll. –

Ähnlich wie im Frühjahr der Blockadebeginn eingeleitet worden war durch die Behauptung, Zehntausende von hungernden Westdeutschen strömten illegal in die Ostzone, um sie auszusaugen, müssen jetzt die armseligen Kartoffelfahmögliche Verschärfung der Blockade. Jedermann weiß, daß aus der Ostzone wahrlich keine anderen Güter als die in Berlin fehlenden Kartoffeln zu holen sind, und es ist eine notorische Tatsache, daß die diesjährige Kartoffelernte in ganz Deutschland so üppig ausgefallen ist, daß eine Kontingentierung überhaupt nicht mehr notwendig wäre. Doch den Herren der Blockade liegt daran, in Westberlin einen krisenhaften Lebensstandard zu erhalten. Deshalb lassen sie ihre Zeitungen gegen den „Mord an den Berliner Parks, Gärten und Wäldern“ anschreien, der, grauenhaft und schmerzvoll genug, einen Teil der Holz- und Kohlenlieferungen ersetzen soll, die sie zynisch und brutal an allen Zufahrtsstraßen und -gassen zu den Westsektoren mitsamt den Wagen beschlagnahmen. Deshalb höhnen sie über den ewigen Kartoffelpuder, der die Westhaushalte seit Monaten ärgert, und lassen lieber die selbstgehalten Kartoffeln Westberlins auf den Beschlagnahmebahnhöfen verkommen.

Viele Beweise der Unmenschlichkeit hat die Blockade Berlins bisher aufeinandergetürmt. Jetzt, angesichts des Umstandes, daß die Gegenmittel gegen diese Blockade im Wachsen sind, daß die beiden Blockadeflugplätze täglich leistungsfähiger werden, daß der dritte Landeplatz vor der Vollendung steht, daß die Stetigkeit der Berliner Westversorgung von Anfang November an eine beträchtliche Vermehrung der Leistungen bringen wird und daß in allen internationalen Gremien die Blockade der Stadt als der Minusposten Nr. im Sowjetischen Schuldbuch erscheint, jetzt versuchen die Russen noch einmal, die ganze Macht ihrer terroristischen Mittel einzusetzen. Der Hunger wurde dank der Luftbrücke nicht ihr Bundesgenosse, jetzt soll es der Winter werden. Jedoch die Psychologie der sowjetischen Führung in diesem Kriege gegen Berlin ist miserabel. Das Volk von Berlin, von Natur skeptisch bis zu rigoroser Ablehnung, zweifelt diesmal nicht daran, daß selbst eine Blockade, die den ganzen Winter über dauern würde und die bereits alle Kanäle für den schwarzen Einkauf von ein paar Kohlen und Kartoffeln zugestopft hat, die Stadt nicht mehr in eine Katastrophe stürzen könne. Dieses Volk hat in den vergangenen Monaten nüchtern beobachtet, wie in der Welt Berlin mehr geworden ist als ein bloßer Prestigepunkt der Westmächte. Es hat auch beobachtet, wie Westdeutschland, wenn auch langsam und schleppend, seine veraltete Abneigung gegen Berlin besiegt hat und begreifen beginnt was der Widerstand dieser Stadt gegen den östlichen Druck für Deutschland und Europa bewirkt hat. Die Berliner sehen sich Schwierigkeiten aller Art gegenüber: Ernährungsschwierigkeiten vorneweg, den Fragen des Winters in gleichem Maße. Da sind ferner die gefährdeten Produktions- und Arbeitsmöglichkeiten, Geld- und Währungskalamitäten, die zu sozialen Ungerechtigkeiten fuhren müssen, leere Kassen in allen Behörden und privaten Haushalten und Notprogramme endlich, die zu unübersehbaren Verpflichtungen auf lange Zeiten führen.

Dies alles weiß das nunmehr total blockierte Berlin zu Beginn eines Winters, der Ungewisser ist als alle schlechten, die vorangegangen sind. Doch eines gehört wie nie zuvor zur Substanz der Berliner Mentalität: die Sicherheit und das Vertrauen, daß der beginnende Winter weder der Stadt in ihrer politischen Bedeutung noch ihren Menschen das Ende bereiten wird, das die Russen und die russisch geleitete SED erhoffen. K. W.