Im neunzehnten Jahrhundert glaubte man an das freie Spiel der Kräfte. Man vertraute darauf, daß die Freiheit, gerade auch in der Wirtschaft, der Schlüssel zum „größten Glück der größten Zahl“ sein müsse. Dies heißt, mit anderen Worten: die soziale Gerechtigkeit stellt sich ganz von selber, ein, wenn nur die Freiheit gesichert ist. Nun, die soziale Gerechtigkeit hat sich weder im neunzehnten noch im zwanzigsten Jahrhundert von selbst ergeben. Weil sie ausblieb, deshalb entstand dem doktrinären Liberalismus sein großer Gegenspieler: der doktrinäre Sozialismus. Er war bereit und gewillt, um der Gerechtigkeit willen, so wie er sie verstand, die Freiheit zu begraben. Das neunzehnte Jahrhundert lieferte den Anschauungsunterricht dafür, daß im Zeichen des extremen Liberalismus die sozialen Spannungen unerträglich werden. Das zwanzigste Jahrhundert hat uns gezeigt, daß die totale „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ zum totalitären. Staate führt der die soziale Gerechtigkeit nicht gewinnt und von der Freiheit nichts mehr übrig läßt.

Wer sich unvoreingenommen um die Gestaltung der Zukunft bemüht, der sollte von diesen beiden historisch widerlegten Doktrinen längst genesen sein. Man kommt nun einmal mit dem klassischen Liberalismus an die Sozialität nicht heran, und man verfehlt mit dem klassischen Sozialismus sowohl die Sozialität wie die Freiheit. Heute gilt es zu begreifen, daß die soziale Gerechtigkeit ein selbständiges Ziel und,-nicht einfach ein Kind der Freiheit ist. Diese Gerechtigkeit ist die höchste Aufgabe der Gemeinschaft und also des Staates, der das Volk repräsentiert. Aber das heißt nicht, daß der Staat die Wirtschaft vereinnahmen muß. Es bedeutet auch keineswegs eine öde Gleichmacherei, den ewigen Neid auf jeden, der den Durchschnitt überragt. Eine produktive Gerechtigkeit will vor allem „unten“ heben und fördern, nicht aber „oben“ senken und hemmen. Sie ist darauf gerichtet, einem jeden zur besten Verwendung seiner Fähigkeiten zu verhelfen, einen jeden vor unverdienter Not zu schützen. Nur mit diesem Ziel vor Augen darf Freiheit beschränkt werden, aber um dieses Zieles willen muß sie beschränkt werden. Die echte Sozialität der Zukunft wird weder „liberal“ noch „sozialistisch“ sein. Es gilt gerade, die Synthese zu, finden, die diesen Gegensatz aufhebt.

Der undoktrinäre Betrachter unserer Gegenwart kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die alten Doktrinen allzu stark fortwirken, daß auf der einen Seite zuviel alter Liberalismus, auf der anderen Seite zuviel alter Sozialismus verfochten wird. So kann man nur mit Sorge und einigem Befremden den liberalen Rauschzustand beobachten, in den die Frankfurter Zweizonenverwaltung geraten zu sein scheint. Doktrinär gebannt, erhofft man dort allzuviel vom Segen der „Freiheit“, achtet man allzu wenig auf offensichtliche soziale Spannungen und Mißstände; Die unmittelbare soziale Aktion kommt zu kurz. Statt dessen hören wir immer wieder das verstaubte Bekenntnis, man müsse nur „die Wirtschaft“ blühen lassen, denn das sei zugleich die beste Sozialpolitik. Nun, „die Wirtschaft“ hat im neunzehnten Jahrhundert ganz außerordentlich geblüht, während die soziale Gerechtigkeit notleidend blieb. Aber was man sich damals im Überschwang des privatwirtschaftlichen Kapitalismus leisten zu können glaubte, das kann man sich heute gewiß nicht mehr leisten. Zuviel Liberalismus heute, zuviel Kapitalismus heute wird zuviel Sozialismus morgen bedeuten, Man sollte die Maienblüte einer knappen, sehr knappen Mehrheit gegen die Sozialdemokratie nicht überschätzen. Die Wahlen in Nordrhein-Westfalen waren das erste Warnungszeichen. Uhland sagte im Frankfurter Parlament, es werde kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem Tropfen, demokratischen Öls gesalbt sei. Heute, hundert Jahre später, ließe sich mit besserem Recht behaupten, daß niemand Deutschland regieren könne, der nicht mit etlichen Tropfen sozialen Öls gesalbt sei.

Der Lastenausgleich wird teils wegdiskutiert, teils verschleppt. Das ist sowohl ein sozialer Mangel wie eine liberale Unvernunft. Gerade „die Wirtschaft“ muß wissen, woran sie ist. Sie kann nicht ins allzu Ungewisse hinein operieren und kalkulieren. Und solange der Lastenausgleich „der große Unbekannte“ bleibt, kann man wenig auf Steuerehrlichkeit hoffen. Dieses „Damoklesschwert“ ist einer der Gründe für die Stimmung des „heute ist heute“, mit der das Geld von einer kleinen Minderheit zum Fenster hinausgeworfen wird. Der hemmungslose Luxus der wenigen angesichts der Not der vielen ist überhaupt einer der Mißstände, die man in Frankfurt zuwenig beachtet. Eine sehr dünne,’ zugleich aber sehr sichtbare Schicht Von Menschen schwimmt offensichtlich im Gelde. Ausländer, die in unsere großen Städte kommen, haben daher bereits den Eindruck von einem „schwelgenden Deutschland“. Der Eindruck ist grundfalsch, aber er kann sehr viel Schaden anrichten. Und der deutsche „Normalverbraucher“, der Arbeiter und Angestellte, dem seine Lohnsteuer abgezogen wird, ob er will oder nicht, dem die Preise weglaufen, ohne daß er sich wehren kann – dieser ewig Unbefragte mit dem Nettoeinkommen, das nirgends ausreicht, was soll er eigentlich denken und sagen? Er hört von Modeschauen, auf denen Modelle für 800 DM angeboten und willig gekauft werden. Er sieht die Auslagen der Luxusgeschäfte. Er weiß, daß es Leute gibt, denen es gar nicht darauf ankommt, an einem einzigen Abend soviel auszugeben, wie er selbst in einem halben Jahr verdient. Und er braucht sich nur die Einkommensteuertabelle anzusehen, um zu wissen, daß ein solcher Aufwand – nur aus unversteuertem Gewinn bestritten werden kann Wir haben eine ganze Reihe „legaler“ Etablissements, die allein dadurch bestehen können, daß ihre Kunden illegal verdient haben. Ein paradoxer Zustand. Ein Zustand, der um so seltsamer berührt, wenn man sich vor Austen halt, daß eine Einrichtung wie die Deutsche Hilfsgemeinschaft, Hamburg, seit der Währungsreform ganze 200 000 DM durch Spenden und in der Hauptsache sogar nur durch Veranstaltungen und Lotterien einnehmen konnte, während sie zugleich eine Schuld von 500 000 DM aufnehmen mußte, um ihren dringendsten Aufgaben gerecht werden zu können.

Es stimmt nicht ganz, wenn man sagt, Deutschland tanze auf dem Vulkan. Es tröstet nicht ganz, wenn man darauf hinweist, in Paris oder Rom sei es auch nicht anders. Und auch das Argument von den verschleuderten Marshall-Milliarden, die in Wirklichkeit ja noch gar nicht da sind, oder von dem Mißtrauen in die neue Währung, ist nicht überzeugend. In Wahrheit darf man einen ungezügelten Liberalismus nicht mitten im Mangel auf ein Volk loslassen. Und man darf einen solchen Liberalismus nicht paaren mit einer „sozialistischen“. Politik, die die Einkommen konfisziert und die Kapitalbildung ausschließt. Gewiß, für die Bestrafung aller alten Sparer durch das Gesetz zur Währungsreform, für die Verhinderung des neuen Sparens durch das Gesetz zur Steuerreform sind die Besatzungsmächte verantwortlich und nicht die Frankfurter Wirtschaftsverwaltung, ebenso wie für die Ungereimtheit, daß von den Barbeständen nur 6 1/2 v. H. übrigblieben, während die Schulden mit 10 v. H. zu begleichen waren. Aber gerade das Zwittergebilde von zuviel Liberalismus in der Wirtschaftspolitik und von zuviel Sozialismus in der Steuerpolitik hat bewirkt, daß die Tüchtigen entmutigt und die Skrupellosen ermutigt werden.

Wer noch nicht ganz zum Zyniker geworden ist, wünscht an dem Glauben festzuhalten, daß die meisten Menschen lieber ehrlich als unehrlich sind, auch dann, wenn sie es mit dem Staate zu tun haben. Aber der Staat hat selbst Pflichten neben seinen Rechten. Nur ein gerechter Staat gibt das gute Beispiel für die Ehrlichkeit seiner Bürger. Wenn aber den Menschen bei steigender Leistung keine Chance gegeben wird, über ein recht bescheidenes Minimum hinaus einen fairen Anteil vom Entgelt der eigenen Arbeit für sich selbst zu behalten, während zugleich sehr erhebliche Gewinne aus Hortung und Handelsgeschäften einfach unversteuert bleiben, so mag das der Linie des geringsten Widerstandes entsprechen, aber der Gerechtigkeit entspricht es nicht. Die Umsatzsteuerergebnisse für August 1948 wären um 30 v. H. niedriger als im April, während ohne jeden Zweifel die Umsätze gestiegen sind. Das spricht Bände. Es läßt sich nur durch Geschäfte „ohne Rechnung,“ in erheblichem Umfang erklären. Die Ware ist knapp, der Warenhunger ist groß. Nach dem uralten Gesetz einer „freien“ Wirtschaft richtet sich der Preis nach Angebot und Nachfrage, nicht etwa nach den Selbstkosten des Erzeugers oder des Händlers. Infolge der Knappheit an Gütern läßt der „freie“ Markt es zu, daß sich zwischen den Produzenten und den legalen Groß- und Einzelhandel ein wilder Zwischenhandel einschaltet. Und ebenso läßt die Warenknappheit es zu, daß auch der legale Handel ganz ungewöhnliche Gewinne erzielen kann. Es werden vielfach Handelsspannen einkalkuliert, die vom liberalen Aspekt her möglich, vom sozialen Aspekt her aber um so unberechtigter sind, als der außerordentlich schnelle Warenumschlag gerade geringere Handelsspannen ermöglichen müßte. Soll man nun einfach das Gesetz von Angebot und Nachfrage sich austoben lassen? Oder hat der soziale Gedanke zu überwiegen, daß der Verbraucher geschützt werden muß? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Was im Zeichen des Liberalismus tragbar ist, wird im Zeichen der Sozialität zu einem unzulässigen Piratentum. Es darf nicht geduldet werden.

Preiskontrollen und Steuerkontrollen müssen daher weit schärfer als bisher gehandhabt werden. Die kleine Schicht derer, die durch maßlosen Aufwand auffallen, ist die gleiche, die wilde, unversteuerte Gewinne macht. Es ist eine Schicht, die den geringsten Anspruch darauf erheben kann, zu einer neuen Oberschicht zu werden. Der Wirtschaftsrat hat ein Gesetz gegen Preistreiberei beschlossen. Aber die Tatbestände dieses Gesetzes sind so unklar definiert, daß die Justiz hier vor eine unlösbare Aufgabe gestellt ist. Am sichersten wird man den schweren heutigen Mißständen natürlich beikommen, wenn die Produktion steigt. Bei vollen Märkten wird der mehrschichtige Zwischenhandel verschwinden und die Handelsspanne sich vermindern, auch ohne behördliche Eingriffe. Man muß also zugleich die Anstrengungen auf eine weitere Steigerung der Erzeugung richten und gegen die Übelstände ankämpfen. Und der Produktionsplan selbst sollte, weit stärker als bisher, sozial bestimmt sein. Das sogenannte Jedermann-Programm muß mehr werden als eine Konzession, die der Liberalismus dem Sozialismus macht. Hier haben wir im englischen Utility-System ein Beispiel dafür, wie ein fairer Ausgleich zwischen dem Massenbedarf und dem „Luxus“ herbeigeführt werden kann.