Von Norbert Jacques

Ein junges englisches Mädchen kam am Allerseelentag in Aachen zum alten katholischen Friedhof. Sie war erst seit dem Vorabend in der Stadt, in welcher sie, wie sie erzählte, keinen Lebenden und keinen Toten kannte. Aber gerade aus dem Unbekannten heraus fühlte sie sich am Anblick der von häßlichen Trümmern in ihrem Gesicht bestimmten Stadt, die vordem doch gewiß schön und gesund gewesen, um so heftiger bewegt. Die grausame Brutalität der Bilder schlug sie in die Flucht. Sie strebte fort aus den bebauten Bezirken ins freie Umland, und so war sie in den Bannkreis der zur Totenfeier zum Friedhof pilgernden Menschenmenge geraten.

Mit den anderen trat sie ein in den Ort, an welchem an diesem Tag die Mitmenschen die Nähe der Toten ganz besonders fühlten. Sie fand den Friedhof und die Gräber mit Blumen, Kränzen und mit brennenden Kerzen aufs Erhebendste ausgestattet, und ihr an dem Schauen und der Teilnahme entzündetes Gemüt lockte sie immer tiefer in die Alleen zwischen den Totendenkmälern hinein, an welchen alle Menschen in der Haltung standen, die Pietät und Erinnerung vorschrieben.

Da sah sie plötzlich zwischen den Hunderten der von Blumen bedeckten und von Menschen umstandenen Gräbern eines, das einsam geblieben war, und mehr noch: es zeigte den kleinen vom leichten Novemberregen nassen Erdhügel, nackt und ohne Zeichen liebender Hände. Die Fremde hielt den Schritt an, zuerst betroffen, dann nachdenklich über die Ursache, durch welche gerade dieses Grab so verlassen geblieben war. Jedoch stärker als durch die Tatsache des scheinbaren Vergessenwordenseins wurde die Fremde durch eine Regung bewegt, welche ihr Herz mit doppelter Bedeutung rührte: hier ruhte einer, der anscheinend fremd war wie sie selber und dazu gegen das Fremde noch wehrlos, weil er tot war.

Sie merkte, sich, von ihrer Anteilnahme zu einem plötzlichen Entschluß geführt, die Stelle, ging wieder zum Friedhof hinaus und nahm aus einer Gärtnerei vor dem Eingang einen Kranz von lila Astern mit. Als sie am Grabe kniete, um die Blumen auf dem Erdhügel anzuordnen, las sie aus den goldenen Buchstaben und Zahlen des Steins, daß hier ein Mann lag, der vor drei Monaten in seinem 36. Lebensjahr gestorben war.

Nun wurde sie noch stärker davon aufgewühlt, was wohl einen Besuch und ein teilnehmendes Herz von diesem Grabe fernhalten mochte. Es ward ihr zu einem Rätsel, während sie, den Blick auf den eingemeißelten Buchstaben, mit den Händen an den Blumen des niedergelegten Kranzes verweilte und sich an der Genugtuung zu erfreuen begann, daß wenigstens sie die fehlenden Angehörigen ersetzen konnte.

Plötzlich störte sie ein leiser Lärm im Rücken. Sie erhob sich und sah sich einer jungen schwarzgekleideten Frau gegenüber, welche an jeder Hand ein Kind hielt. Und jedes Kind hatte, wie die Dame selber, Blumen im Arm. Während ihr der Strauß entfiel, starrte die Frau die Fremde entsetzt an. Diese, der Sprache des Landes nicht mächtig, um ein Wort der Erklärung zu sagen, wich rückwärts davon und schritt, unfähig etwas anderes zu tun, als der Lage zu entfliehen, die Allee zurück, die zum Friedhof hinausführte.