Von Kurt Wagenführ

In allen Ländern hatten vor einigen JahrzehntenIngenieure Funktürme errichtet, und von den Gittermasten jagten die verschlüsselten Sprüche von Kontinent zu Kontinent. Die Papierstreifen in der Strich-Punkt-Sprache landeten auf den Schreibtischen der Kaufleute, in den Mappen der Diplomaten, auf den grob gezimmerten Tischen aus Kistenbrettern, die in den Schützengräben standen. Sie wurden in Ämtern und Dienststellen entziffert und fielen als Telegramme in die Briefkästen. In den Funkkabinen auf den Schiffen pfiffen und summten die Zeichen. Die Wetterstationen setzten Wolkenzug und Wind in Signale um, die Polizeisender spannen aus Strichen und Punkten Netze um die Fluchtwege von Verbrechern. Der Raum war eingefangen und dem Menschen dienstbar gemacht – in dem matten Flimmern einer gläsernen Röhre.

Doch den Ingenieuren schien das Gespinst aus unsichtbaren Wellen farblos, monoton lallend die Morsesprache. Es fehlte die zwingende Kraft der Stimme von Mensch zu Mensch und die lockende Gewalt der Töne, der volle Klang des Lebens. Und eines Tages – vor einem Viertel Jahrhundert – war die Stunde gekommen, da die ersten Rufe der menschlichen Stimme, die ersten verwehenden Musiken aus dem Äther kamen.

Damit war die Aufgabe der Ingenieure noch nicht erfüllt. Sie riefen nun die Organisatoren, die Finanzmänner und die Künstler, wiesen auf die Gittertürme und hochausgespannten Drähte, legten Kopfhörer um erstaunende Ohren, zwangen krächzenden Lautsprechern Töne ab und erklärten: da liegen die großen Zukunftsmöglichkeiten! Wir bauen die Träger, erschließt und formt ihr das akustische Bild der Welt. Mit prüfend-sachlichem Blick auf Zahlenreihen, die neue Gewinnmöglichkeiten anzudeuten schienen, mit ehrfurchtsvollem Schauer auch vor den Wahrscheinlichkeiten bisher ungeahnter geistiger Verbindungen wurde das Geschenk entgegengenommen.

Dann saßen sie in Dachkammern, Baracken, Garagen, Zelten und schnell errichteten Büros und tasteten sich in das Beispiellose vor; machten Anleihen beim Theater, beim Kabarett, im Konzert- und Vortragssaal. Waren bedrückt über das anfänglich Erfolglose ihrer Mühe, bis der erste Widerhall eintraf: – sie wurden tatsächlich gehört! Die Ingenieure lasen aus den Briefen die Empfangsgüte und Reichweite ab, die Künstler spürten den Beifall und die Kritik auf, die Kaufleute zählten die Zuschriften. Und aus Hall und Widerhall formten sich langsam die Umrisse von Gesetzen für das Neue, entsprangen Impulse zu immer kühneren Experimenten, bis es schließlich keinen Ort mehr gab, an dem nicht Mikrophone standen, und keine Stunde mehr, die nicht mit Hörgut angefüllt war.

Bald waren die Dachkammern und Baracken zu klein. Die Künstler – anfangs mißtrauisch abwartend – drängten zum Rundfunk, jeder Tag brachte neue Erfahrungen und Verbesserungen. Zuerst lebte man im Rausch der Millionenzahl von Hörern, dann erkannte man: es ist immer der einzelne, den wir ansprechen müssen. Anfangs wucherten noch die Geräuschkulissen durch alle Sendungen – des „Sturmes“, des „Regens“, des „Meeresrauschens“ und des „Rollens von Rädern“ –,dann erspürte man in den Rundfunkhäusern die Macht der leisen Töne, der Verhaltenheit und der Stille. Sich ständig wiederholend drehten sich jetzt die Gespräche um die Programmelemente Erbauung und Entspannung, Belehrung und Information. Aus dem Zwang der Begrenzung auf Nurhörbares entstanden das Hörbild, die Hörszene, der Querschnitt und der Aufriß, die Hörfolge und dann der Hörbericht, der dem Wesen des neuen Instrumentes am nahesten kam: Vermittlung eines Vorganges im Augenblick eines Ablaufes!

Es lag etwas Verlockendes in den Diskussionen um die Weiten- und Tiefenwirkung des Rundfunks, der in breitem Wurf und verschwenderisch sein Gut ausstreute, das aber von einer beängstigenden Flüchtigkeit zu sein schien –