Der überraschend günstigen Entwicklung der Produktion in Westdeutschland seit der Währungsreform sind leider Grenzen gezogen, denen man sich zum Teil beängstigend rasch nähert. So berechtigt es ist, daß in der ersten Phase unserer Wirtschaftserholung das Schwergewicht auf die Erzeugung von Verbrauchsgütern gelegt wird, so ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem man sich um die Ausweitung der Produktionsmittel kümmern muß. Nun soll keineswegs bereits einer allgemeinen Erweiterung der Produktionsanlagen das Wort geredet werden. Und einzelne Engpässe, etwa bei Spindeln in der Textilindustrie, wird die Industrie selbst bearbeiten müssen. Der zusätzliche Deviseabonus A, den die Textilwirtschaft seit einigen Monaten erhält, gibt ihr Gelegenheit, sowohl für die Rationalisierung als auch für die Erweiterung ihrer Kapazität Maschinen aus dem Auslande zu beziehen,

Wo es sich aber um ein so allgemein gebrauchtes Produktionsmittel wie die Energieversorgung handelt, ist öffentliche Aufmerksamkeit vonnöten. Wenn die Industrie- und Handelskammer zu Dortmund in ihrem letzten Monatsbericht feststellt, daß „die Kraftwerke der Doppelzone – schon jetzt bei rund 67 v. H. der industriellen Produktion von 1936 überbeansprucht sind“, so muß man beschleunigt an Abhilfe denken. Die Kraftwerke verfügen nicht mehr über Erzeugungsreserven. Als vor einiger Zeit im Kraftwerk Linien auch die letzte noch in Betrieb befindliche Maschine ausfiel, mußte man 80 v. H. vom Stromverbrauch derjenigen Industrien kürzen, die als „einschränkbar“ gelten (ein Begriff höchst problematischer Art) und mußte auch Stromabschaltungen bei den Verkehrsmitteln, den Haushaltungen und der Landwirtschaft vornehmen.

Es ist ein. höchst unbefriedigender Zustand, wenn nach zufällige Maschinenausfälle, mit denen man bei unseren überalterten Anlagen stets rechnen muß, der Produktionsausfall ohne Warnung jederzeit eintreten kann. Die Öffentlichkeit befaßt sich gern mit der Kahlenknappheit; sicherlich würde diese Knappheit schon jetzt spürbar werden; wären nicht durch die russische Blockade Berlins die Kohlenlieferungen dorthin fortgefallen. Doch die elektrische Energie ist ein viel akuterer Fall. Die Kapazität der vorhandenen Kraftwerke, denen, im Augenblick ausreichend Kohle und Wasserkraft zur Verfügung steht, ist und der Bau neuer Kraftwerke kann nicht schnell genug in Angriff genommen werden. Die Kapazität wird jedoch auch durch den Mangel an Transformatoren, Kesselenlagen und Isoliermaterial noch weiter her abgedrückt. Die Demontagen in Westdeutsche land und die Zonenabgrenzung – man denke nur an die Bedeutung der in Berlin beheimateten und schärfstens von den Russen demontierten Elektrokonzerne Siemens und AEG – machen es unmöglich, die Versorgung mit Ersatzmaterial aus deutschen Quellen zu sichern.

Erfreulicherweise sind im Marshall-Plan Einfuhren von Elektromaterial nach Westdeutschland vorgesehen. Um diese Einfuhren rasch und effektiv im Interesse der gesamten – Stromversorgung der Doppelzone durchzuführen, ist jetzt in Hamburg die Einfuhrgesellschaft der Elektrizitätswerke m. b. H. mit einem Kapital von 18O 000 DM gegründet worden. Beteiligt sind 22 Kraftwerke, aus der Elektroindustrie die Firmen Siemens, AEG, Felten & Guilleaume und Brown, Boveri & Co und als Finanzinstitute die Hamburgische Landesbank, die Hansabank und das Bankhaus Brinckmann, Wirtz & Co. Es sollen Fertigwaren und Halbfabrikate, importiert werden, die gegenwärtig im Inland nicht zu beschaffen sind. Als Lieferanten kommen in erster Linie Belgien und Italien, in zweiter Linie Großbritannien und Frankreich in Frage, dagegen leider nicht Schweden und die Schweiz, deren Elektroindustrien, wegen ihres hohen Auftragsbestandes, zu lange Lieferfristen verlangen. Die Gründung dieser Einfuhrgesellschaft, auf Anregung der Arbeitsgemeinschaft der Elektrizitätswerke hin erfolgt, ist ein sehr begrüßenswerter Schritt, der zeigt, daß eine schnelle und weitgreifende Planung auch in der „freien Wirtschaft“ durchaus, möglich ist, eg.