In seinem ersten Bericht („Die Zeit“, Nr. 43 vom 21. Oktober) hat Ernst Torgler den Reichstagsbrand als das Attentat des Nationalsozialismus gegen die deutsche Arbeiterschaft“ geschildert. Er selbst als der Führer der Kommunisten wurde der Brandstiftung bezichtigt; Er stellte sich freiwillig der Polizei und wurde zunächst in eine „Massenzelle“ gesteckt, wo er mit Ossietzky, Kisch, Renn und anderen zusammentraf. Noch war die Stimmung hoffnungsvoll, aber...

Die „Massenversammlung“ im Keller des Berliner Polizeipräsidiums war nur ein kurzes Zwischenspiel. Wir wurden noch am selben Tage auf Zellen verteilt, wobei ich den zweifelhaften Vorzug genoß, in Einzelhaft gehalten zu werden. Zwei Tage darauf ging es in das Gerichtsgefängnis Berlin-Spandau, dorthin, wo heute die jn Nürnberg als Kriegsverbrecher Verurteilten wie Dönitz, v. Neurath, v. Schirach sitzen. Alle Leidensgenossen von damals, sofern sie noch am Leben sind, werden es mir bestätigen, daß der Gefängnisaufenthalt in diesen ersten vier bis fünf Wochen – gemessen an dem, was später folgte – – geradezu gemütlich zu nennen war. Wir gingen gemeinschaftlich zur sogenannten „Freistunde“ und konnten uns dabei nach Herzenslust unterhalten, weil die Zahl der Schutzhäftlinge – das waren wir zu dieser Zeit – sehr groß, der Gefängnishof aber ziemlich eng und die Zahl der Gefängnisbeamten noch sehr klein war. Noch waren die Beamten der Vor-Hitlerzeit im Amte. Noch hatten SA und SS ihren Einzug als Herren der Gefängnisse nicht gehalten

Mein Aufenthalt in Spandau erfuhr schon am dritten Tage eine Unterbrechung. Am Tage vor der Reichstagswahl, also am 4. März, wurde ich wieder nach dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz geholt und am Abend des Wahlsonntags in das Dienstzimmer des Oberregierungsrates Diels geführt. Meinem erregten Protest dagegen, daß man mich mit dem Attentat auf den Reichstag in Verbindung bringen wolle, begegnete er mit der Bemerkung, man werde die Angelegenheit dem Reichsgericht übergeben. Ich erkundigte mich danach, was das für ein Holländer sei, der, nach den Zeitungsberichten, im brennenden Gebäude war angetroffen worden. Und Diels ließ diskret die Bemerkung fallen: „Ein Pyromane mit Wandertrieb ...“

Kurz darauf fand meine erste Vernehmung im Reichstagsgebäude durch den die Untersuchung führenden Kriminalkommissar Heisig statt. Hierbei erfuhr ich zum ersten Male davon, daß Zeugen vorhanden seien, die mich am Nachmittag des Brandtages zusammen mit dem Holländer van der Lübbe gesehen haben wollten. Daß ich am selben Nachmittag auch mit dem Bulgaren Popoff zusammen in dem Vorraum zum Haus-, haltsausschuß-Sitzungssaal gesessen haben soll, das konnten die drei Kronzeugen gegen mich, Karwahne, Frey und Kroyer, in diesem Augenblick noch nicht behaupten. Dazu mußte Popoff erst am 9. März gemeinsam mit den beiden anderen Bulgaren Dimitroff und Taneff auf die Denunziation des Kellners Hellmer im „Bayernhof“ in der Potsdamer Straße hin in Berlin verhaftet. werden. Es war ja auch eine Belohnung von 20 000 Mark zu verdienen.

In Spandau gab es eine nicht geringe, aber durchaus erfreuliche Sensation, als Mitte März eine kleine Anzahl von Schutzhäftlingen, darunter einige bekannte kommunistische Funktionäre, freigelassen wurden. Wenn es bald auch hieß, die Freilassung wäre versehentlich erfolgt, welch ein glückliches Versehen für die Betroffenen! Sie waren so gut beraten, daß sie schleunigst von der Bildfläche verschwanden. Ende März wurde ich noch einmal aus Spandau geholt, diesmal zusammen mit Carl v. Ossietzky und Ludwig Renn, dem Verfasser des bekannten Antikriegsbuches „Krieg“. Im Polizeipräsidium hatte Diels eine Anzahl von Vertretern der Auslandspresse um sich versammelt und führte uns ihnen als Beweis dafür vor, daß wir nicht totgeschlagen wären, wie im Ausland behauptet worden war. Es wurden auch fotografische Aufnahmen gemacht, die später in den illustrierten Zeitungen zu finden waren. Anfang April wurde es dann ernst, sowohl für meine Leidensgenossen als auch für mich. Die anderen kamen ins Zuchthaus Sonnenburg, das zu einem Konzentrationslager umgewandelt worden war, während ich als Untersuchungsgefangener in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit eingeliefert wurde.

Und jetzt begann eine aufregende Zeit. Voruntersuchung mit Vernehmungen und Gegenüberstellungen ... Jagd nach einem geeigneten Verteidiger ... Gegenprozeß in London ... Reichstagsbrandprozeß in Leipzig und Berlin ... die Rolle van der Lubbes ... Bewußtes und bezahltes Subjekt oder nichtsahnender Mittäter im Rande des eigentlichen Geschehens? ... der 4. Strafsenat des Reichsgerichtes ... der Oberreichsanwalt und sein Gehilfe ... schließlich die Frage: wer waren die wirklichen Täter? Ich will mich auf den Versuch beschränken, die wichtigsten Momente möglichst klar herauszuarbeiten.

Zwei Tage war ich in Moabit – da erschien ein Strafanstaltsbeamter und legte mir Handfesseln an. Fünf Monate lang war ich auf diese Weise bei Tag und bei Nacht gefesselt. Es lag im Belieben des jeweiligen Aufsichtsbeamten, die Fesseln so fest zuzuknallen, daß das Blut kann mehr zirkulieren konnte und die Haut an den Gelenken sich durchscheuerte oder – wenn es ein Beamter war, der etwas Mitleid beweisen wollte – sozusagen ein Loch zurückzustecken, Vogt, der Untersuchungsrichter des Reichsgerichts, von dem die Anordnung zur Fesselung gegeben worden war, begründete seine Maßnahme damit, er sei dafür verantwortlich, daß die Angeschuldigten lebend den Prozeß erreichten. Im übrigen hätte van der Lübbe zweimal den Versuch gemacht, Gefängnisbeamte niederzuschlagen, und der Bulgare Taneff hätte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Auch der Abschluß der Voruntersuchung änderte nichts in dieser Quälerei. Erst ab 1. September erreichte mein Verteidiger Dr. Sack, nach Rücksprache mit dem Senatspräsidenten Dr. Bünger, daß mir die Fesseln abgenommen wurden; und zwar mit der Begründung, daß sein Mandant Gelegenheit bekommen müsse, seine Verteidigung schriftlich vorzubereiten. Dann endlich kam der Augenblick, in dem ich, wie jetzt Gisevius in seinem Buch behauptet, „bleich“ und „nervös“ auf der Anklagebank saß. Schließlich sitzt man nicht sieben Monate in Einzelhaft, davon fünf Monate gefesselt und dazu nachts bei hellster Beleuchtung, um nachher auszusehen, als ob man gerade von einem Ferienaufenthalt in einem Nordseebad zurückgekehrt sei ...