Es ist schon so, Europa muß ein wenig zu seinem Glück gezwungen; werden. Ohne den wirtschaftlichen Druck, den Washington über die Marshall-Hilfe auf die westeuropäischen Länder auszuüben vermag, wäre das kürzlich in Paris unterzeichnete Abkommen über das europäische Clearing sicherlich nicht so rasch zustande gekommen. Die Vereinbarung regelt die technischen Einzelheiten der grundsätzlich im September gleichzeitig mit der Festsetzung der Marshall-Plan-Hilfe für 1948/49 beschlossenen innereuropäischen Hilfe. Sechs Länder, an der Spitze Großbritannien und Belgien, erhalten einen Teil der Marshall-Hilfe nur unter der Bedingung, daß sie als Gläubigerländer sieben anderen Ländern Kredite von insgesamt 562 Mill. $ ohne Gegenleistung einräumen. Man kann also mit Recht von einem zusätzlichen kleinen Marshall-Plan“ innerhalb Europas, sprechen. Die Wirksamkeit des Marshall-Plans für 1948/49 erhöht sich über die amerikanischen Hilfeleistungen von 4,875 Mill. $ hinaus um die europäischen Kredite von 562 Mill. $. Zwar würde ein Teil dieser Lieferungen vielleicht auch im Rahmen des normalen Handelsverkehrs der europäischen Staaten erfolgt sein. Wesentlich ist jedoch, daß die Verpflichtung zu diesen Lieferungen besteht.

Als Verrechnungsagent für europäische Eigenhilfe ist die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel bestimmt worden, die bereits seit November 1947 in kleinerem Umfange eine multilaterale Verrechnung durchgeführt hat. Der größte Teil dieser Selbsthilfe Europas, rund 80 v. H., wird sich bilateral verrechnen lassen. Für den Rest wird es komplizierterer Verrechnung unter Beteiligung von drei oder mehr Ländern bedürfen. Man mag Zweifel darüber hegen, ob angesichts der Verschiedenartigkeit der gegebenen wirschaftlichen Stabilität in den einzelnen europäischen Ländern dieser Auftakt zur „Europa-Devise“ reibungslos verlaufen wird. Doch zwei Sicherheiten sind eingebaut. Die Gläubigerländer können mit der „bedingten amerikanischen Hilfe“ erst rechnen, nachdem sie die vorgesehenen Kredite für europäische Schuldnerländer eingeräumt haben. (Allerdings auch nicht später, was z. B. Belgien als eine verstärkte Inflationsgefahr gefürchtet haben würde). Außerdem kann jedes beteiligte Land die Aufmerksamkeit der Pariser europäischen Marshall-Plan-Organisation auf die Nichterfüllung der eingegangenen Verpflichtungen und auf die fehlende Innehaltung der gleichzeitig vereinbarten „Richtlinien der innereuropäischen Wirtschaftspolitik“ lenken. Auch die englischen Bedenken, daß auf dem Umwege über diese Krediteinräumung zusätzliche Ansprüche an die Gold- und Devisenreserven des Sterling-Blocks entstehen konnten, sind übrigens dadurch gebührend berücksichtigt worden, daß die Zustimmung des Gläubigerlandes erforderlich ist, wenn ein Empfängerland die ihm zustehenden Kredite anders verwenden will, als ursprünglich vorgesehen war. Und schließlich ist vereinbart worden, daß unausgenützte Kreditlinien grundsätzlich im folgenden Marshall-Plan-Jahr offen bleiben sollen.

Man könnte einwenden, das Europa-Clearing versuche, die wirtschaftliche Freiheit Westeuropas vom Schwänze her aufzuzäumen. Natürlich wäre es sehr viel günstiger, wenn zuerst die wirtschaftspolitischen Voraussetzungen für eine engere Zusammenarbeit Westeuropas unter einheitlichen Gegebenheiten geschaffen wäre. In England hat man davon gesprochen, daß die Schuldnerländer für ihre unausgeglichene Zahlungsbilanz durch die Vorschüsse im Europa-Clearing auch noch prämiert würden. Und in Deutschland ist soeben auf der ersten Nachkriegs-Tagung des Vereins für Sozialpolitik kritisch bemerkt worden, das Clearingsystem bedeute die Einspannung Europas in eine riesige Planwirtschaft unter einer Oberregierung von Statistikern. Dennoch scheint uns die amerikanische Konzeption ein begrüßenswerter Versuch zu sein, schon während der Wiederaufbauphase der Marshall-Hilfe durch dieses innereuropäische Kreditsystem eine Angleichung der Wirtschaftserfolge in den einzelnen Gliedern von Marshall-Plan-Europa zu fördern. Man darf nur nicht aus dem Auge verlieren, daß jedes einzelne Land nicht der Verpflichtung enthoben wird, noch weitere und sehr viel größere Beiträge Zur Vereinheitlichung der europäischen Wirtschaft zu leisten, wie dies etwa durch das langfristige Wirtschaftsprogramm der Benelux-Länder versucht wird, die eine vollständige Wirtschaftsunion bis zum 1. Januar 1950 verwirklichen wollen und die hoffen, bei Auslaufen des Marshall-Plans eine ausgeglichene Zahlungsbilanz für das Wirtschaftsgebiet von Benelux erreicht zu haben.

Gw.