Von Robert Pilchowski

Robert Pilchowski, in Luzern geboren, verlebte seine Kindheit in der Schweiz. Dreizehn Jahre alt, ging er nach Niederländisch-Indien, wo er auf Java als Teepflanzer tätig war. Nach seiner Rückkehr lebte er in Berlin. Seine erste Publikation war ein Bändchen javanische Novellen. Gegenwärtig lebt er in Hamburg.

Der Mann wandert durch nächtliche Straßen. Eine heftige Unruhe treibt ihn, ein großes Erwarten. An den Straßenkreuzungen zögert sein Schritt. Die dunklen Reihen hoher Häuser liegen hinter, ihm –

Er ist in den Vororten, geht an Landhäusern vorüber. Hier und dort ein erleuchtetes Fenster. Manchmal bleibt er stehen und lauscht, hört aus einer Seitenstraße jemand rufen, seinen Namen rufen, folgt dem Ruf –

Von dem Leuchten einer blassen Mauer löst sich eine Frau, tritt ihm entgegen. „Bist du endlich gekommen?“ Sie hat ein weißes Kleid an. Ihre Stimme ist ihm merkwürdig vertraut.

„Wer bist du“, fragt er. – „Aber Liebster“, ruft sie, „hast du mich denn vergessen?“ – Er tritt ganz dicht an sie heran, erkennt sie. – „Es ist so lange her“, sagt er, und gleichzeitig durchfährt ihn ein tiefes Erschrecken: hatte er sie nicht im Stich gelassen, ihren verzweifelten Briefnicht beantwortet, sich nicht verleugnen lassen, als sie ihn aufsuchte? Vergebens sucht er nach Worten, nach Begründungen, aber die Flucht-in die Lüge ist – ihm zuwider. – Das Mädchen scheint seine Unruhe zu fühlen, – „Was hast du’, fragt sie, „freust du dich denn gar nicht, mich wiederzusehen?“

Sie hat ihren Arm unter den seinen geschoben. Sie gehen langsam die Straße hinab. Leicht preßt er sie an sich. – „Ja, ich freue mich“, sagt er, dem er spürt, daß sie in ihrem Glück alles vergessen hat, was er ihr einmal angetan.