Von A. M. Stathmer

Während die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in Berlin konzentriert ist und die Wirtschaft mit Lohn-, Preis- und Kreditproblemen, den Nachwehen der Währungsreform, ringt, wird in einigen alliierten Konferenzzimmern ohne viel Aufhebens über die deutsche Westgrenze verhandelt. In Punkt vier der Empfehlungen der Londoner Sechsmächtekonferenz sprach man von „gewissen geringfügigen“ Grenzberichtigungen. Damit wurde vor allem auf die holländischen Forderungen angespielt, die allerdings bei näherer Prüfung weder geringfügig sind, noch mit der Bezeichnung Grenzberichtigung abgetan werden können. Holland spricht von unbedeutenden Begradigungen... und meint dt. Natürlich sind auch andere deutsche Substanzen in Gefahr. Der Bentheimer Grenzlandausschuß hat festgestellt, daß das von den Niederlanden geforderte Gebiet 1847 qkm umfaßt, also etwa dem Umfang des Saargebietes gleicht; daß eine rein deutsche Bevölkerung von 154 000 Seelen betroffen ist; daß Kohlengruben im Aachener Bezirk, Kalischächte, Torflager, die Schiffahrtsinteressen an der Emsmündung und eine nicht unbeträchtliche landwirtschaftliche Anbaufläche, die das Ruhrgebiet mit Lebensmitteln versorgt, in Mitleidenschaft gezogen sind. Aber das, was Holland vor allem interessiert, sind die deutschen Erdölfelder des Emslandes, die von den Fachleuten als verheißungsvolle Fundgebiete der Zukunft bezeichnet werden.

Das emsländische Ölgebiet ist erst in der letzten Phase des Krieges entdeckt und erschlossen worden. 1942 erbohrte die Schachtbau- und Tiefbohr-AG. das Ölfeld Linien. Bald darauf, im Jahre 1944, folgte die Wintershall AG. mit der Entdeckung des Emlichheim-Feldes, das sich beiderseits der Grenze erstreckt und dessen holländischer Teil, Schoonebeck, heute bereits 40 000 t monatlich liefert. Im selben Jahre erschloß die Preußag das Georgsdorf-Feld und 1946 folgte das vierte und jüngste Vorkommen, Adorf.

Die Ausbeute der Felder, ist gegenwärtig mit etwa 14 500 t monatlich im Vergleich zu der Erdölproduktion in Hannover und Schleswig-Holstein nicht so bedeutend, daß man als Außenstehender im Verlust des Emslandes eine ernste Bedrohung für den deutschen Eidölbergbau erblicken könnte. Ein treffendes Bild von der Gefahr erhält man indessen bei näherer Betrachtung. Die hannoverschen und schleswig-holsteinischen Felder sind alt. Ihre Reserven, die auf 2,5 bis 3 Mill. geschätzt werden, reichen bei langsam abfallender Leistung nur noch für ein, höchstens zwei Jahrzehnte. Dagegen haben die jüngsten Ergebnisse der Tiefbohrungen im Emsland nachgewiesen, daß der schmale Gebietsstreifen zwischen der holländischen Grenze und der mittleren Ems bei Lingen etwa 9 bis 12 Mill. t Erdölvorräte in seinem Untergrund birgt. Dieses Öl, das einen beträchtlichen Anteil des Bedarfs der Westzonen auf Jahre hinaus decken kann, repräsentiert einen nicht unerheblichen Teil des deutschen Volksvermögens, sein Wert beläuft sich auf 1,5 bis 2 Milliarden D-Mark.

Der deutsche Erdölbergbau, der seit Ende der zwanziger Jahre fast unbemerkt zu beachtlicher Höhe entwickelt wurde, erspart mit seiner Jahresförderung von rund 600 000 t Rohöl unserer Wirtschaft jährliche Devisenausgaben von 15 Mill. Dollar für überseeische Rohölimporte, für die nach Lage der Dinge der berühmte amerikanische Steuerzahler aufkommen müßte. Die Förderung kann nur aufrechterhalten werden, wenn der natürliche Rückgang in den alten Fundgebieten von Hannover und Schleswig-Holstein durch die neuen reichen Felder des Emslandes, ausgeglichen wird. Der Anteil des Emslandes an der Gesamtproduktion wächst im Vergleich zu der hannoverschen Förderung von Jahr zu Jahr. Man hat ausgerechnet, daß er sich in zwei Jahren auf 50 v. H., in drei bis vier Jahren voraussichtlich auf 75 v. H. der Gesamtausbeute belaufen wird.

Ein anderer Umstand muß noch beachtet werden. Die Natur der Erdölgewinnung bringt es mit sich, daß laufend kostspielige Tiefbohrungen niedergebracht werden müssen, um neue Fundgebiete zu erschließen, Diese Bohrleistungen, die in Nordwestdeutschland der komplizierten geologischen Verhältnisse wegen besonders umfangreich sind, können nur dann finanziert werden, wenn Überschüsse aus ergiebigen Feldern vorhanden sind. Es steht fest, daß die gesamte Ölsuche in Nordwestdeutschland zum Erliegen kommen muß, wenn der Erdölbergbau nur noch auf den hannoverschen Feldern basiert, deren Erträge die Finanzierung neuer Pionierbohrungen nicht zulassen.

Die Holländer sind durch den von Hitler veranlaßten Einmarsch schwer betroffen und geschädigt worden. Ihre Rechte auf Wiedergutmachung stehen. außer Zweifel. Man kann es jedoch von deutscher Seite niemals hinnehmen, daß Deutschland durch eine solche Wiedergutmachung lebenswichtigster Produktionsstätten beraubt wird, die Milliardenwerte darstellen! ganz abgesehen von der nachhaltigen Erbitterung, die entstehen muß, wenn die jahrhundertealtes historische Grenze angetastet wird. Mancherlei Anzeichen sprechen dafür, daß die Weitsicht und wirtschaftliche Vernunft mancher Kreise in Holland von einem Annektionsexperiment abraten, das keine guten Folgen haben kann. Wie aus dem State department in Washington verlautet, ist die Bildung einer Grenzkommission aus Vertretern der Westmächte beschlossen worden, die die Verhältnisse im emsländischen Ölgebiet prüfen soll. Die Bedeutung der Emslandfrage ist offensichtlich auch in Washington und London erkannt worden: