Von Felix Dassel

Kürzlich berichtete die russische „Prawda“ und das Regierungsorgan „Iswestija“ in ihren Leitartikeln über die, Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zur neuen volksdemokratischen Republik Korea. Die Blätter begrüßten den neuen Friedensgarantie des Fernen Ostens und betonten, daß Korea nunmehr durch seine engen Beziehungen zur Sowjetunion zum erstenmal in seiner Geschichte ein hohes kulturelles Niveau erreichen werde.

Korea – an Fläche etwa halb so groß wie Frankreich – hat also nun neue volksdemokratische Selbständigkeit bekommen und soll kulturell erschlossen, werden. Durch seine Anlehnung an die 30jährige Sowjetmacht

1910 war Korea von den Japanern annektiert worden, im 4243 Jahr des Bestehens des Koreanischen Königreichs, und im Jahre 1919 erhoben sich die 20 Millionen Koreaner wie ein Mann, geführt von etwa 30 seiner angesehensten Weisen, zur seltsamsten Revolution der Geschichte: das ganze Volk schrie plötzlich am 1. März nach, seiner Unabhängigkeit, rief millionenfach in Städten und Dörfern, auf den Feldern und in den Wäldern: „Mansei! Manseil O, lebe zehntausend Jahre“ und – ließ sich widerstandslos vom japanischen Militär und japanischer Polizei niederknüppeln und mederschießen, ohne daßsich auch nur in einem einzigen Falle eine Faust, geschweige eine Waffe gegen die Eroberer erhoben hätte. Ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, – große Sippen ausgerottet? Zehntausende wurden Foltern unterworfen – Korea schrie: „Manseil Mansei!“

Um die ganze Tragik dieses Revolutions-Phänomens zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß Korea nicht nur über 42 Jahrhunderte politisch unabhängig gewesen ist, sondern daß auch die koreanische Sprache seit fast 2000 Jahren so gut wie keine Veränderungen erfahren hat und daß auch die kleinsten Kinder von unbändigem Stolz über diese Tatsachen erfüllt sind. Der Koreaner bringt es fertig, aus gekränktem Nationalgefühl bitterlich zu weihen, wenn er für einen Chinesen oder gar für einen Japaner gehalten wird. Er glaubt die klassische chinesische. Literatur besser zu kennen als die Chinesen selber, und die Japaner sind für ihn nur Emporkömmlinge, „kleine Wilde“, denen er nur eine Art mitleidiger Verachtung schenken kann. „Wenn jemand zu groß und zu vornehm für einen Japaner ist und zu gebildet für einen Chinesen, dann stammt er sicher aus Korea!“

Der Koreaner ist der Überzeugung, die Zivilisation des Westens, Europas, habe zur Zeit der Renaissance begonnen, und er beschäftigt sich gern und eifrig mit diesem Zeitabschnitt. Das Geheimnis der westlichen Überlegenheit müsse wohl in dieser „kurzen Spanne“ von 500 Jahren verborgen liegen, also auch die Ursache der neuzeitlichen japanischen Vermessenheit. Aber der Koreaner lernt gern von Europa. Michelangelo, Shakespeare und Liebig sind ihm nicht fremd. Von den Japanern glaubt er jedoch nichts anderes lernen zu können als die Kunst, soviel wie möglich Menschen gleichzeitig ums Leben bringen zu können.

Der koreanische Dichter Younghill Kang hat es in seinem Roman „Das Grasdach“, der auch in deutscher Sprache erschienen ist (Paul List Verlag, 1932), meisterlich verstanden, sein Korea, das „Land der Morgenstille“, wie es von seinem Vater, einem einfachen Bauern, zärtlich genannt wird, unserem Einfühlen wollen nahezubringen. Younghill Kang ist von einer bezaubernden Offenheit und Ehrlichkeit und tritt uns immer wieder persönlich aus seinen Zeilen entgegen: „Ich wollte ein Dichter werden, ein Pak-sa, ein Doktor der Doktoren. Ich war ein glühender Verehrer des Konfuzius und glaubte ihm jedes Wort, auch wenn es mich manchmal zum Sterben traurig machte; ich glaubte ihm auch, daß man es erst mit 60 Jahren wagen darf, seinen Ohren zu trauen. Aber dann, als ich die Gesetze der Schwerkraft und überhaupt physikalische Grundlagen zu verstehen begann, kam die alte Konfuzius-Schule mir überlebt vor und müßig wie Kartenspiel. Ich ließ sie versinken und war sehr, sehr traurig darüber...“ Kang besingt die Natur des heimatlichen stillen Tales, fühlt sich innig mit Tier und Blume verbunden. Und ein vollkommenes Idyll ist das koreanische Familienleben, wie Kang es uns zeigt, rührend die Höflichkeitsformen zwischen den nahesten Verwandten. Freilich, es gehört schon eine ganze, Menge Einfühlungsvermögen dazu, um zu verstehen, daß der Vater sein Kind nicht einmal zärtlich anblicken darf – es wäre unverzeihliche Prahlerei, denn Liebe und Aufopferung sind ja Selbstverständlichkeiten. – Dies ist das Land, das „Land der Morgenstille“, das jetzt kulturell erschlossen werden soll...