Um dagegen zu protestieren, daß immer noch Internierte an Polen ausgeliefert werden, sind die Insassen des Lagers X in Fallingbostel in Hungerstreik getreten, – nachdem zwei Gefangene auf die Nachricht, ihr Abtransport stünde bevor, sich umgebracht haben, während ein dritter erfolglos einen Selbstmordversuch unternahm.

Wer dieser v. Malottki war – wir können es nicht entscheiden. Er hat versichert, daß er unschuldig sei. Er habe keine Verbrechen begangen; er habe allerdings den Bolschewismus bekämpft. Seine Eltern wurden von polnischen Bolschewisten erschlagen, seine Kinder getötet, seine Frau wieder und wieder vergewaltigt und mit Syphilis angesteckt. Er selbst ist aus dem Kriege als Krüppel heimgekehrt. Die Polen beantragten seine Auslieferung; er habe Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Wie gesagt: – wir können’s nicht entscheiden. Er selbst, dem die Polen – das wird man zugeben müssen – einiges angetan haben, war nicht überzeugt, daß man ihn in Polen, sollte es dort auch noch gereihte Richter geben, ungeschoren, lassen werde. Kurz vor dem Auslieferungstermin äußerte er, sie sollten ihn nicht lebendig haben. Man steckte ihn ins Lagergefängnis. Das war am Freitag, dem 15. Oktober; anderen Tages lag er tot in der Zelle ... Wir wissen nicht, wer Ribbe war. Er war von Fallingbostel ins Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel transportiert worden, damit er von hier aus den Polen ausgeliefert werde. Er schnitt sich die Pulsadern auf und starb ... Wer der Internierte Borrmann ist, ein Schuldiger oder vielleicht diger, wird sich vielleicht klären lassen. In der Gefängniszelle von Fallingbostel fanden sie ihn in seinem Blute, als er ausgeliefert werden sollte, aber er konnte – zunächst – gerettet werden. Das Lager X in Fallingbostel war in diesen Tagen- – Augenzeugen berichten es – in heller Aufregung. Nun waren es noch vier Internierte, die nach Polen ausgeliefert werden sollten. Sie hießen Westphal, Lotz, Greschner und Przewozny. Schon war das Auto mit den polnischen Uniformierten angekündigt, das sie abholen sollte. Da beschlossen die Lagerinsassen den Hungerstreik. So wollten sie versuchen, dem Abtransport der Vier Einhalt zu gebieten oder wenigstens Aufschub zu bewirken. Sie fanden Fürsprecher, die sich an den britischen Chef des Auslieferungslagers wandten. Er erwiderte, daß er keine Vollmachten habe. Sie wandten sich an Brigadier Knapton, den Chef der Legal-Division in Herford, der das Auslieferungslager Fallingbostel untersteht. Ohne Ergebnis. Inzwischen traten auch die Insassen des Fallingbosteler Frauenlagers in Hungerstreik; Hilferufe ergingen an das Foreign Office in London und an einen Mann, der die Nazis bekämpft hat und den Deutschen viel Gutes tats an den Bischof von Chichester. Inzwischen erschien das Auto mit den polnischen Uniformierten und holte die vier ab, deren Namen auf der Liste der auszuliefernden Personen standen ... Wenige Tage später kam aus Brüssel das Entlastungsmaterial, das der Chef der Legal-Division nicht hatte abwarten wollen

Wer Lotz und Westphal sind – zwei dieser Vier –, das hat sich in einer Verhandlung vor dem britischen Auslieferungstribunal am 24. August einigermaßen herausgestellt. Sie waren angeklagt, Juden und Polen deportiert und ermordet zu haben. Dabei ist in der Tribunalverhandlung von dem Vorwurf der Mißhandlungen kaum gesprochen worden; freilich, es war eine Bagatelle gegenüber den Anklagen des Mordes und der Deportation. Immerhin, als sich herausstellte, daß Lotz und Westphal nicht des Mordes und der Deportation schuldig waren, blieb nur der Vorwurf der Mißhandlung übrig, über den kaum gesprochen worden war. Dennoch wurden sie deportiert – nach Polen ...

Gesetzt den Fall, es gäbe in Polen noch gerechte Richter, gesetzt den Fall, daß Unschuldige, falls ihre Unschuld sich erweist, auch wirklich freigesprochen werden – wie wird es ihnen ergehen? – „Ich wurde am 3. Mai 1947 an Polen ausgeliefert“, erklärte ein Mann namens Wolfgang Sternberg an Eidesstatt am 20. Oktober 1948, „ich war vom 4. Mai 1947 bis zum 14. Februar 1948 in polnischer Untersuchungshaft. In dieser Zeit bin ich täglich mit der Faust, mit Gummiknüppeln und Stöcken mißhandelt worden.“ Wolfgang Sternberg wurde am 26. Februar 1948 freigesprochen. Selbst die Polen, die seine Auslieferung beantragt hatten, fanden keine Schuld an ihm. Dennoch kam er. ins Gefängnis nach Warschau-Mokotow, wo er mißhandelt wurde bis zu seinem Abtransport am 17. Oktober 1948. Er hatte – ein Unschuldiger auch nach polnischem Richterspruch – schwerste Zwangsarbeit zu leisten und wurde furchtbar mißhandelt... Es bleibt noch die Frage, was denen geschieht, die in Polen keine gerechten Richter oder gar überhaupt, keine Richter finden. Man weiß von einem Transport an Bord eines deutschen Schiffes, das ab Lübeck in polnischen Diensten und mit polnischer Begleitmannschaft fuhr. Es waren „auszuliefernde Personen“ an Bord, sie würden in den Heizbunker des Dampfers gesteckt; keiner der Gefangenen hat lebendig wieder festen Boden erreicht. „Und solches geschieht unter der Parole des Kampfes wider die Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – hat der deutsche Kapitän, der darüber Bericht ablegte, hinzugefügt.

Mehr als drei Jahre sind seit dem Kriege vergangen. Man weiß, daß die Deutschen es nicht mehr sind, die den Frieden bedrohen; denn wer es auch sein mag – die Deutschen sind es nicht. Und da gibt, es immer noch das Lager Fallingbostel, das keinAußenstehender betreten darf, ein Lager mit einer/besonderen Absperrung innerhalb des Lagers: das ist das Auslieferungslager X, in das am 14. August 1948 Insassen aus dem Lager Neuengamme transportiert wurden. Man brachte sie in einem Extrazug der Eisenbahn, und ehe sie vom Bahnhof ins Lager zogen, hatten rund 70 Mann der deutschen Wachmannschaft mit angeschlagenem Gewehr Böschung und Bahnstation besetzt Alle fünfzig Meter auf dem Weg zum Lager ein Schutzpolizist und alle hundert Meter ein Doppelposten, und sechs Internierte, je zweimit Handschellen aneinandergefeselt, mußten den hohen Lastwagen erklimmen – je zwei zu zwei: ein mühselig-trauriges Gespann. Und man weiß, daß unter den derart wie Schwerverbrecher bewachten Leuten immer noch Unschuldige sein können, deren Unschuld sich nur noch nicht erwiesen hat ... Vordem, war da der Fall des Bauern Hinrich Schoof aus Schleswig-Holstein, der am 2. November 1945 durch englische Militärpolizei und polnische Beamte mit der Begründung verhaftet werdet? war, eine Polin (die niemals aufzutreiben war) vergewaltigt zu haben, und der erst am 13. Januar 1948 zur ersten Vernehmung vorgeführt und am 5. März entlassen wurde, weil seine Unschuld erwiesen war ...

Man weiß, daß die Polen oft auch dann Auslieferung verlangen, wenn sie selber von der Schuldlosigkeit einer „auszuliefernden Person“ überzeugt sind. Man hat erfahren, daß sie in fast jeden Falle wenigstens auf solche Weise Nutzen aus diesen Gerichtsverhandlungen zu schlagen suchen, als sie die Namen irgendwelcher – vor allen polnischer – Gegner ihres Systems herauszubringen hoffen. Obwohl es heute – nach mehr als drei Jahren – die Deutschen nicht mehr sind, die den Frieden bedrohen, gibt es in der britischen Zone das politische Internierungslager Fallingbostel, das immer noch an einen Oststaat wie Polen Internierte ausliefert. „Es ist das einzige Interniertenlager in der britischen Zone“, bemerkte ein Eingeweihter, „aber auch dieses eine ist noch zuviel.“

Es ist anzunehmen, daß Leute in diesem Lager sitzer, die schuldig sind; wahrscheinlich sogar, daß es Schuldige unter ihnen gibt. Aber das Lager X, das Sonderlager, in dem 73 Deutsche, 23 Belgier, fünf Holländer, drei Franzosen, ein Russe (ein Asiat, der sich kaum verständigen kann) und zwei Staatenlose sitzen, demonstriert viele Fälle, in denen Menschen, wie Mücken so ahnungslos, ins Netz des Schicksals gerieten. Da ist ein. junger Belgier namens Maucourant, der mit ‚15Jahren auf die verrückte Idee kam, in die „Wallonische Wache“ und dann ins deutsche Heer und dann sogar in die SS einzutreten; er wurde in absentia von einem belgischen Gericht wegen Landesverrat zum Tode verurteilt und seine Auslieferung ist nunmehr beschlossen worden. „Wer mit 15 Jahren etwas anderes als ein Kind war, stehe auf und werfe den ersten Stein auf ihn“, so hat einer geurteilt, der den noch immer Ahnungslosen im Lager X sah.

Solche Beispiele gibt es viele, deren Hintergründe leicht nachweisbar, sind. Aber es gibt auch. Fälle, die schwer, sehr schwer zu klären sind. Und hier sollte nichts als Auslieferung helfen können? Welche Ahnungslosigkeit der Behörden! Vor kurzem kam aus Polen ein Brief, der nicht durch die Post befördert wurde. Er klärte einen Teil des Geheimnisses auf, warum ausPolen so schwer Entlastungszeugnisse zu bekommen/sind, und ist geeignet, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang werfen zu lassen, so daß wahrhaftig ein paar Zeilen schon genügen dürften, Einsichtige über den „Nutzen“ einer Auslieferung zu belehren: „Es besteht keine Möglichkeit“, schreibt in Polen eine Polin, die liefen möchte, aber nicht helfen kann, „eine Bescheinigung wegzuschicken, denn der Bürgermeister unterzeichnet nicht. So ein Brief mit einer Bescheinigung muß durch die Miliz weggeschickt werden, und so etwas traut sich jetzt keiner zu machen, denn er könnte dafür bestraft werden...“ Mtr.